Die 12 Arten von Stress

Stress als etwas Gesundheitsschädliches und Verursacher von Zivilisationserkrankungen (Autoimmunerkrankungen, Allergien, Hauterkrankungen, Verdauungsprobleme…) ist in aller Munde. Doch was ist Stress überhaupt? Bevor wir jemandem den Ratschlag geben, Stress zu reduzieren, sollten wir dies definieren, damit dem Gegenüber zielgerichteter geholfen werden kann. Kommt der Stressor beispielsweise von einem ungelösten Familienkonflikt in Kombination mit körperlichen Stressoren, können die besten Yogastunden einen vielleicht etwas stabilisieren und unterstützen, aber an die wahre Ursache ist noch nicht gegangen worden. Stress als Begriff wurde 1936 von Hans Selye geprägt, dem „Vater der Stressforschung“, der ihn als “nicht spezifische Reaktion des Körpers auf Anpassungsforderungen” definierte.

In kleinen Dosen oder sehr kurz, akut und intensiv ist Stress natürlich und kann sogar gesundheitsförderlich sein wie beim Sport oder wenn man sich abhärtet. In der heutigen Zeit sind wir allerdings mit einer Vielzahl an chronischen Stressoren konfrontiert, die unser System dauerhaft aus dem Gleichgewicht bringen können.

Dr. Charles Gant (National Integrated Health Associates) unterscheidet 12 verschiedene Arten von Stress, allerdings kann jede Kategorie wieder in unendlich viele Ursachen im Detail aufgeschlüsselt werden und viele gehen Hand in Hand oder können unter mehrere Kategorien fallen. Das Wort Trauma kann auf etwas Seelisches wie etwas Körperliches angewendet werden, was eine zu heftige Belastung war, die über die Grenzen des Kompensierbaren hinausgegangen ist.

Die 12 Arten von Stress
  1. Emotionaler Stress: Dies ist die Art von Stress, an die man als erstes denkt, wenn man das Wort „Stress“ hört. Hier hinein kann alles fallen von Konflikten, Streits und Beziehungsproblemen oder einer Scheidung, Probleme im Job, finanzielle Sorgen, ein schwerer Verlust, Einsamkeit, eine belastende Krankheit, Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit, Krieg, Naturkatastrophen, Unfall, Nachrichtenschauen, grausame Filme, Sendungen voller Drama…
  2. Kognitiver Stress: Unrealistische Ansprüche an sich selbst oder an das Leben, der Versuch, den äußeren Erwartungen gerecht zu werden, sich mit anderen zu sehr vergleichen, etwas darstellen und bekannt werden um jeden Preis, Perfektionismus, Pessimismus, Schwarzsehen, Schuldgefühle…
  3. Sensorischer Stress: Chronische Schmerzen, Lärm oder belastende Geräusche, Gerüche, Licht, Temperatur, Berührung…
  4. Metabolischer Stress: Zu harter Sport, zu schnelles Essen, falsche Ernährung für die individuellen biochemischen Bedürfnisse, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, pH-Regulation des Körpers (schlechter Säure-Basen-Haushalt), Blutzuckerschwankungen, Hungern, Nährstoffmängel, Überschuss an gewissen Nährstoffen, Schwangerschaft, Koffein, Schlafmangel, mitochondriale Dysfunktion…
  5. Toxischer Stress: Umwelttoxine wie Schwermetalle, Amalgamfüllungen, Toxine in der Nahrung, Luftverschmutzung, Baustoffe, Farben, Pestizide, Herbizide, Schimmelgifte, Reinigungsmittel, Duftstoffe, Kosmetikprodukte, moderne Tenside, Medikamente, Drogen, Alkohol…
  6. Immunstress: Chronische Entzündung (stille Inflammation), hohes Entzündungslevel, Omega-3 zu 6-Ungleichgewicht, Allergien, Nahrungsmittelsensitivitäten, Autoimmunreaktionen…
  7. Endokriner und Neurotransmitter Stress: Hormonungleichgewicht, Nebennierenüberlastung bis -schwäche, Cortisol, Adrenalin, Schilddrüsenprobleme, Vitamin D-Mangel, Menopause, Andropause, Histamin, Glutamat, Insulin, Dopamin, Serotonin, Norepinephrin, GABA, Leptin, kein regelmäßiger Tagesrhythmus….
  8. Spiritueller Stress: Kein Sinn und Ziel im Leben, sich nicht zuhause zu fühlen, kein Gefühl Teil von etwas Größerem zu sein, kein Gefühl von Dankbarkeit, Mangel an Liebe und Empathie, Verlust der Verbindung zu sich selbst,…
  9. Infektions Stress: Candida, Parasiten, Viren, Bakterien, allgemein Dysbiose (Fehlbesiedlung des Darms), Dünndarmfehlbesiedlung, Leaky Gut, Fehlbesiedlung der Haut, Lyme-Borreliose, Epstein-Barr-Virus, wurzelbehandelte Zähne…
  10. Oxidativer Stress: Schlechte Durchblutungen, zu wenig Frischluft, flache Atmung, Schlafapnoe, Phase 1 und 2 Leberentgiftung, Konsum zu vieler Kohlenhydrate und ranziger ungesättigter Fettsäuren, Blaulicht, zu intensives Cardiotraining…
  11. Energetischer Stress: Elektromagnetische Belastung durch kabellose und elektronische Geräte, Infraschall, UV-Strahlung, Hitze, kosmische Strahlung auf Flügen, künstliches Licht, Vibrationen, Bewegung ohne optisches Feedback (Reiseübelkeit), Änderungen im Luftdruck…
  12. Struktureller Stress: Verschiebungen und Blockaden in der Wirbelsäule, Stenosen, schlechte Haltung, Muskelverspannungen, verklebte Faszien, Cranio-Sacral, physisches Trauma durch Sturz, schwerer Schlag, Überlastung, Bewegungsmangel, Autounfall…

Auch wenn diese Stressoren alle sehr unterschiedlich wirken, so haben sie eine Gemeinsamkeit: Übersteigen sie das, was unser Körper oder Geist in dem Moment aushalten / regenerieren / entgiften etc. kann, sorgen sie für eine Belastung und die wird von unserem Körper immer in der gleichen Weise wahrgenommen, nämlich als Bedrohung unseres Überlebens, ungeachtet dessen, ob es sich um eine physische Belastung handelt oder es “nur in unserem Kopf” ist, subjektiv von uns als Stressor empfunden wird. Es ist quasi ein Angriff im Gange, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse wird aktiviert und somit unser Sympathikus, der Teil unseres autonomen Nervensystems, der für die Kampf- und Fluchtreaktion zuständig ist. Ist der Sympathikus aktiviert, verbrauchen wir deutlich mehr an Nährstoffen, Elektolyten, Vitaminen und Neurotransmittern. Unsere Nebennieren pumpen nun kräftig die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin (akute Stressantwort) sowie Cortisol (chronische Stressantwort) in unser Blut. Cortisol wirkt anabol, das heißt degenerierend, abbauend, schädigend. Es wird außerdem unser Immunsystem aktiviert, denn unsere Immunzellen, z.B. die Mastzellen, besitzen Rezeptoren für Stresshormone. Cortisol hält die Immunantwort zwar in Schach und gibt uns Energie, allerdings wird die Cortisolproduktion zum einen über Nacht heruntergefahren (außer bei übermäßig gestressten Menschen), zum anderen kommt es bei chronischer Belastung irgendwann zu einer Nebennierenerschöpfung oder –insuffizienz, unsere Nebennieren erleiden ein Burnout.

Unser präfrontaler Cortex, der evolutiv jüngste Teil unseres Gehirns, der für logisches, rationales Denken, Kurzzeitgedächtnis, Emotionsbewertung, kreatives Lösungenfinden, Planen und unsere Persönlichkeit entscheidend ist und mit dem wir andere Bereiche unseres Gehirns kontrollieren, wird unter Stress unterdrückt, unser limbisches System mit der Amygdala, unserem Angstzentrum, unser sehr alter, archaischer Teil unseres Gehirns, wird aktiviert und dominiert, wir werden nun darauf gedrillt, Bedrohungen zu erkennen bzw. mehr als solche wahrzunehmen, sei es in Form von Lebensmitteln, chemischen Gerüchen oder zu uns gesprochenen Worten.

Diese Stressoren können von daher problematisch werden, wenn die Gesamtstresslast zu groß wird, das heißt, wenn sie entweder chronisch über einen langen Zeitraum für Belastung gesorgt haben, oder wenn es zu einem einzelnen harten Schlag kam. Oft kommen mehrere verschiedenharte Probleme auf verschiedenen Ebenen in einem relativ kurzen Zeitraum hintereinander, und die eigentlich sehr ausgeprägte Fähigkeit von Körper und Geist, dies zu kompensieren, wird überschritten. Ein Problem, eine Krankheit manifestiert sich. In welchem Organ sie sich manifestiert, hängt von unseren persönlichen Schwachstellen ab, die genetisch bedingt sein können, oder durch eine vorangegangene Überlastung dieses Organs.

Die Belastung kann theoretisch bis zum Ende des Lebens subtil bestehen bleiben, wenn z.B. Selbstvorwürfe aufgrund eigenen Versagens bestehen bleiben, oder auf der körperlichen Ebene in Form einer chronischen, unterschwelligen Infektion (es wird theoretisiert, dass das Problem oft nicht eine chronische Belastung mit einem Erreger wie Borrelien ist, sondern dass vielmehr unser Nervensystem aufgrund der Infektion (wie bei einem schweren seelischen Konflikt oder Trauma) eine epigenetische Umprogrammierung erfährt und im Schutzmodus bleibt, so als würde das Problem noch bestehen, was für entsprechende Symptome sorgt).

Die Baseline unseres gesamten autonomen Nervensystems kann sich nach oben verschieben, sodass das, was eigentlich schon zu hoher Stress für uns ist, als „normal“ empfunden wird, wir aber gar nicht mehr in den parasympathischen Zustand gelangen, auch nicht im Schlaf, und somit kaum noch regenerieren. Stress verbraucht Neurotransmitter im hohen Maß und ohne sie sind wir nicht in der Lage, neue neuronalen Signalwege zu entwickeln, sodass wir uns an neue Stressoren nicht mehr anpassen können, immer empfindlicher werden und schlechter auf Stressoren reagieren (größere Ängstlichkeit entwickeln, schlechtere Wundheilung haben, schlechtere Abwehrkräfte, immer stärker auf Lebensmittel reagieren, immer gereizter reagieren) und in einen Teufelskreis geraten. Man spricht dann von Dysautonomie, das autonome Nervensystem und das limbische System werden auf schädliche Weise umprogrammiert, Entgiftung und Regeneration lahmgelegt.

In der Regel läuft vieles parallel ab und die Stressoren triggern sich gegenseitig. So kann es durch psychischen Stress (bei mir z.B. wenn ich in einer unangenehmen Situation bin, der ich mich subjektiv ausgeliefert fühle und die ich nicht hinnehmen kann) auf der körperlichen Ebene zu einem Blutzuckersturz und Histaminausschüttung kommen, was dann weitere Stressantworten triggert, oder zu schnelles Essen oder Nachrichtenschauen beim Essen kann die Unverträglichkeit eines Lebensmittels fördern, was dann wiederum am Einschlafen hindern kann etc.. Die ständige erhöhte Cortisolproduktion durch den Stressmodus kann zu einem Mangel an anderen Steroidhormonen führen und schließlich in einer Nebennierenerschöpfung enden; Stress durch Nährstoffmängel oder zu starker körperlicher Belastung kann verhindern, dass wir effektiv Pathogene bekämpfen und entgiften können; Eine Belastung mit Candida oder anderweitiger Dysbiose kann zu einer schlechteren Verträglichkeit von Nahrungsmitteln und zu einer verminderten Nährstoffresorption führen; Psychischer Stress oder Selbsthass kann verhindern, dass wir bei unserer gesunden Ernährung bleiben und uns schlechte Gewohnheiten aneignen; Ist das Entzündungslevel zu hoch, kann es länger dauern, bis ein Muskelkater abklingt oder wir reagieren empfindlicher auf chemische Gerüche oder elektromagnetische Frequenzen.… Eine chronische Erkrankung wie eine Autoimmunerkrankung, Diabetes, Krebs, Allergien, Reizdarm, Herz-Kreislauferkrankungen, Übergewicht, psychische Erkrankungen… ist durch verschiedene Stressoren verursacht, wird in der Regel aber auch selbst zum Stressfaktor. Alle diese Stressoren stehen über Feedbackmechanismen miteinander in Verbindung und je instabiler das System, desto mehr negative Reaktionen werden in einer Kettenreaktion am laufenden Band getriggert. Der Betroffene fühlt sich wie in einem Minenfeld.

Viele erleben auf der anderen Seite, dass sie z.B. im Urlaub Lebensmittel, auf die sie normalerweise sensitiv reagieren, gut oder zumindest besser vertragen oder umgekehrt dass sie, wenn sie belastende Lebensmittel meiden und besser entgiften sie Lärm, Hektik oder andere Formen von psychischer oder kognitiver Belastung besser wegstecken.

Man sieht, das Entstehen einer chronischen Erkrankung ist eine feine Komposition, bei der viele Fäden zusammenlaufen von Problemen und Ungleichgewichten, was sogar schon vor unserer Empfängnis begonnen haben kann, da auch der epigenetische, nervliche, hormonelle, toxische, immunologische und Ernährungszustand unserer Eltern entscheidend ist für die Gesundheit des Kindes. Schwermetalle beispielsweise können über die Mütter über mehrere Generationen weitergegeben werden, der Zustand des limbischen Systems der Mutter entscheidet über die Programmierung des limbischen Systems der Kinder, da diese aus biologischer Sicht auf eine feindliche Umwelt vorbereitet werden müssen.

Um welches Organ es sich handelt, das krank geworden ist, sei es die Haut, der Darm, das Gehirn,… spielt erstmal eine untergeordnete Rolle bei der Lösung des Problems, da der Grundansatz immer der gleiche sein muss: Stressoren identifizieren und Verbesserung schaffen.

Aus diesem Grund sind Maßnahmen wie Yoga, Qigong, Meditation, Achtsamkeit, positive Visualisierungen, Umtrainierung des limbischen Systems, Atemarbeit so eine wertvolle Grundlage, da sie direkt an der Grundsteuerung, unserem autonomen (vegetativen) Nervensystem ansetzen. Trotz dessen ist es bei schwerwiegender Erkrankung unvermeidbar, an so vielen Stellen wie möglich anzudocken und – simpel gesprochen – bestehende Baustellen anzupacken (Ernährung verbessern, Entgiftung unterstützen, Belastungen jedweder Art allgemein auf ein tragbares Level reduzieren, Aussprachen halten, Tagesrhythmus optimieren etc…), da man die Titanic sonst nicht mehr rumgerissen bekommt. Man darf nicht der Gefahr erliegen, sich selbst ein Alibi zu erschaffen („ich gehe doch seit 15 Jahren 3 Mal die Woche ins Yoga, nehme Vitamintabletten, vitalisiere mein Wasser und ernähre mich glutenfrei“), sondern sollte sich von den blinden Flecken für die wahren Baustellen, die den größten Einfluss haben, heilen, bzw. sich Hilfe bei den Stellen suchen, die man alleine nicht bewältigen kann. Gleichzeitig wird man sehr viel Geduld einräumen müssen, selbst wenn die Probleme identifiziert worden sind, da sie sich über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, eingeschlichen haben und an so vielen Ecken wie möglich ansetzen müssen, aber jeder kleine Schritt in die richtige Richtung ist hier schon sehr wertvoll.

Ebenfalls empfehlen möchte ich den tiefgehenden und umfangreichen Blog von Cynthia Perkins.

Man darf die Dinge nicht so sehen, als wären sie fest, sondern muss sie in Bewegung und in wechselseitiger Verbindung zueinander sehen. ~David Bohm, Quantenphysiker und Philosoph

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