4 unerwartete Problemstellen bei einer ketogenen Ernährung

Viele meiner Klienten sind sehr interessiert am Austesten neuer Ernährungsformen und haben schon einiges durch, wenn sie zu mir kommen. Ich kenne selbst die Verlockung der Gesundheitsversprechen, die verschiedene Ernährungsformen machen. Umso frustrierender ist es dann – und man fühlt sich wie der letzte Trottel – wenn man der einzige zu sein scheint, dem es bei dieser Ernährungsform viel schlechter geht als zuvor, während alle anderen es hinzukriegen scheinen und die Foren vor Lobeshymnen überfließen. Sei getröstet: Du bist nicht allein damit! JEDE Ernährungsform hat ihre zahllosen Flüchtlinge und Gestrandeten. Es muss nichts damit zu tun haben, dass du die Ernährung verkehrt ausgeführt (z.B. zu viel Protein gegessen) hast.

Bei der ketogenen Ernährung fokussiert man sich auf Fett (vor allem gesättigtes) als den wichtigsten Makronährstoff, mit moderat Protein und einem verschwindend niedrigen Kohlenhydratanteil. Ursprünglich wurde diese Ernährungsweise für Epilepsiepatienten entwickelt und mit großen Erfolg eingesetzt, heute wird sie zudem bei anderen neurologischen Erkrankungen, bei Krebs, aber auch bei Blutzuckerproblemen und zum Abnehmen eingesetzt.

In diesem Beitrag möchte ich meine Beobachtunge zu den wichtigsten Hindernissen bei der ketogenen Ernährung mit dir teilen, auf die Menschen mit Immunmodulationsproblemen, Mastzellerkrankungen, Symptomen einer Dysautonomie und systemischen Erkrankungen stoßen können.

  1. Man braucht genügend Antioxidantien, wenn man viel von so etwas Instabilem und als Baustoff überlebenskritischen wie Fett zu sich nimmt! Fett ist ein sehr empfindlicher Stoff, der zugleich ein unfassbar wichtiges Baumaterial für so viele kritische Gewebe und Moleküle in unserem Körper darstellt wie Nerven, Subkutanfett der Haut, Knochenmark, Zellmembranen, Hormone… Ich halte das für den wichtigsten Grund, warum es tatsächlich ein paar wenige Studien gibt, die gesundheitliche Vorzüge in einer fettarmen Ernährung gefunden haben, nämlich, dass einfach zu viele Fette niedriger Qualität, vielfach ungesättigt und ranzig, verwendet werden. Auch im Lowcarb und Keto darf deswegen eine Vielfalt an buntem, antioxidantienreichen Bio-Gemüse nicht fehlen. Viele (unraffinierte und hochqualitative) Öle enthalten zwar viel Vitamin E & Co., aber man kann sie nicht als Antioxidantienquelle ansehen, da sie genau die Menge beinhalten, die der Körper braucht, um sie stabil zu verarbeiten. Lies hier mehr zu dem, auf was du bei Fetten achten solltest (und warum).
  2. Man sagt ja, dass Leistungssportler gerne etwas mehr Kohlenhydrate zu sich nehmen dürfen, da ihr höherer Stoffwechsel sie komplett verbrennt. Wer an einer schweren, chronischen Erkrankung und akuter Immunüberaktivierung leidet, wie es bei Autoimmunerkrankungen und Allergien der Fall ist, ist belastet wie ein Marathonläufer und braucht in der Regel eine gewisse Menge an vollwertigen Kohlenhydraten, denn der Körper steht unter Dauerstress. Meine Klienten (und bei mir wars auch so), deren Entzündungslevel noch sehr hoch ist und die versuchen, kohlenhydratarm zu essen, nehmen rapide ab (in Ausnahmen auch zu, aber dann handelt es sich zumeist um Wassereinlagerungen) und oft läuft es noch an anderen Ecken aus dem Ruder, da sie vermehrt Kohlenhydrate für ihre Schleimhäute brauchen (Darm, Atemwege, Haut… zur Bildung von Polysacchariden für Sekrete) und es schnell zu einer Verschlechterung der Verdauung kommt, zu einer stärkeren Reaktion auf Allergene in der Luft, zu einem Austrockenen von Augen und Haut, Erschöpfung, im schlimmsten Fall sogar hormonellen Problemen! Als günstigsten Fall sehe ich da noch unkontrollierte Heißhungerattacken auf Kohlenhydrate an. Kohlenhydrate werden laut Dr. Daniel Amen zudem gebraucht für den stimmungsaufhellenden Neurotransmitter Serotonin. Zudem sind es gerade die Lebensmittel wie Kochbananen, weißer Reis, Kartoffel, Kürbis… die am verträglichsten sind für diese Menschen, da histaminarm und arm an Antinährstoffen, die dann gestrichen werden, sodass automatisch mehr unverträgliche Lebensmittel gegessen werden müssen. Nicht unterschätzt werden sollte auch, wenn zudem noch kognitiv sehr anspruchsvolle Arbeit geleistet wird. Unser Gehirn verbraucht ca. 20% unserer Körperenergie und da kann es in manchen Fällen besser tun, zusätzlich über langsam verdauliche Kohlenhydrate in Form von Stärke zu arbeiten.
  3. Stress kann umgekehrt verhindern, dass du in die Ketose kommst. Durch die chronische Überaktivierung des Immunsystems, was auch ein Stressor ist, mit chronischer Ausschüttung von Cortisol und Episoden der Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, kommt es natürlich zur Aktivierung von körpereigenem Glykogen aus Leber und Muskeln! Ich war 2017 auf dem Vortrag einer kanadischen Keto-Expertin in Helsinki, die direkt auf der Bühne die Messung des Blutzuckers und der Ketonkörper über Blut aus ihrer Fingerkuppe demonstrierte und zeigte, dass ihr Blutzucker erhöht und ihre Ketonkörper zu niedrig waren, und das einfach nur wegen des körperlichen und mentalen Stresses durch die Reise und des Vortrags, und das obwohl sie seit Tagen keine Kohlenhydrate gegessen hatte und ihr Körper schon perfekt auf Ketose trainiert ist! Merke zudem: Stress unterdrückt die Mitochondrien. Sei es Stress durch körperliche Belastung durch Toxine, eine Erkrankung, durch Lebensmittelintoleranzen oder weil man gerade viel von seinem Körper abverlangt, oder mental, kognitiv oder seelisch bedingter Stress… die Folge ist immer eine eingeschränkte Funktion der Mitochondrien, und nur wenn diese optimal laufen (im Zustand der Entspannung, Parasympathikus), kann der Körper Fett als Energiequelle gut verwerten. Dies kann auch der Grund sein, warum vegetarisch lebende Menschen weniger Nutzen aus der Ketose ziehen können, da ihnen wichtige Aminosäuren (wie Carnitin) fehlen, die die Mitochondrien zum Einschleusen von Fettsäuren und für die Produktion von Ketonkörpern benötigen. Wenn du Stress verstehen willst: Die 12 Arten von Stress.
  4. Jahreszeit, Licht und Klima nehmen großen Einfluss. Schau dir Naturvölker an. Je höher wir in den Norden kommen, desto mehr liegt bei den Makronährstoffen der Fokus auf Fett, in wärmeren Ländern, vor allem rund um den Äquator, liegt er mehr auf Kohlenhydraten. Du hast vielleicht auch schon gemerkt (oder kannst es dir antrainieren, ein Gespür dafür zu bekommen), dass auch deine Bedürfnisse sich wandeln. Das Feld der Chronobiologie (wie Licht und gewisse Rhythmen unseren Stoffwechsel beeinflussen) rückt immer mehr in den Fokus, wofür es 2017 sogar den Nobelpreis gegeben hat. Ich persönlich halte es von daher so, dass ich mir Obst für den Sommer sowie den Urlaub aufhebe, welches ich dann auch gut vertrage. Im Dezember (wenn wir die kürzesten Tage es Jahres haben), lege ich in der Regel eine streng ketogene Phase ein, was mir dann auch leicht fällt und supergut gut. Frauen erleben häufig, dass sie besonders vor ihrer Periode ihren Blutzuckerspiegel mit viel Fett und Protein stabilisieren müssen. Lerne mit dem Flow des Lebens zu gehen!

Im Allgemeinen möchte ich einfach sagen, dass du dich, gerade wenn du an einer chronischen Erkrankung leidest, nicht überfixieren solltest auf eine bestimmte Ernährungsweise sondern offen bleiben solltest . Dein Körper hat sehr spezielle Bedürfnisse, die sich auch je nach Krankheitsschub oder Lebensumstände stark wandeln können. Aus diesem Grund nehme ich mir in meinen Coachings sehr viel Zeit, Verschiedenes mit meinen Klienten ausprobieren, zu experimentieren, ihnen zu zeigen, wie sie mit bestimmten Tricks dennoch die Vorzüge gewisser Ernährungsformen, auch der ketogenen Ernährung, genießen können, und ihnen beizubringen, die Signale ihres Körpers kennen und deuten zu lernen, und vor allem auch alle übrigen Lebensbereiche anzusehen, die ebenso viel Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen wie die Ernährung.

Das Leben ist eine interessante Reise und zu glauben, dass man bei “dem perfekten Zustand” oder “der perfekten Ernährung”, die alle meine Probleme löst, ankommen wird, ist illusorisch. Das zu verstehen hat mich viel freier und entspannter im Umgang mit meiner Gesundheit gemacht und auf lange Frist gut getan und immer wieder neue Lösungsansätze aufgezeigt. Dadurch bin ich inzwischen nicht mehr den ständigen krassen Aufs- und Abs von Krankheitsschüben ausgesetzt, sondern kann viel freier entscheiden, was ich meinem Körper als Treibstoff zuführen möchte.

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