Mit ernährungs- & neurobiologischem Hintergrundwissen Seekrankheit und Reiseübelkeit vorbeugen

Der Neurotransmitter Histamin hat wieder zugeschlagen: Es ist nicht nur in unserem Kreislauf-, Verdauungs- und Reproduktionssystem, in unserer Haut und unseren Atemwegen ein wichtiger Botenstoff, sondern auch in unserem zentralen Nervensystem.

Lies hier mehr zur Biophysiologie und den möglichen Symptomen einer Histaminose.

Jeder Mensch scheint hier seine eigenen Schwachstellen zu besitzen, einen „weakest link“ oder man kann es auch so ausdrücken, dass dein Immunsystem gewisse Bereiche aus verschiedenen Gründen als besonders angreifbar und schutzbedürftig ansieht und hier die Armeen aufrüstet. Bei mir persönlich beschränkte es sich in meinen ersten Lebensmonaten auf die Haut, in meinen ersten Lebensjahren kamen die Atemwege dazu, in der frühen Teenagerzeit das Verdauungssystem und schließlich das zentrale Nervensystem.


Seekrankheit, Reiseübelkeit oder Kinetose wird ausgelöst, wenn die gefühlte Information von Bewegung nicht mit der optischen Wahrnehmung übereinstimmt. Dies führt als Stressreaktion zur Ausschüttung von Histamin im Innenohr, was zu den typischen Symptomen führt: Man wird müde, reizbar, teilnahmslos, träge, schläfrig, der Speichelfluss nimmt ab (der Sympathikus, die Stressachse, wird aktiviert), bis hin zu schwerer Übelkeit, Erbrechen und einfach dem Gefühl, sich einfach nur noch in eine Ecke legen und sterben zu wollen, weils einem so elend geht.

So erging es Patrick und mir auf unseren Fährüberfahrten mit dem Katamaran zwischen den Azoreninseln (unsere längste Fahrt ging über 5 Stunden). Mit dem größeren Schiff vor zwei Jahren hatte ich keine Probleme, Katamarane schwanken leider ziemlich übel.

Bei einem Tauchgang auf Graciosa vom Boot aus bei etwas höherem Wellengang erging es uns ähnlich. Der Stress auf unser System durch die starken Schwankungen, Aufregung vor dem Tauchgang, dazu knallte die Sonne (lies hier zu weiteren Triggern, die dein Histaminfass zum Überlaufen bringen) ziemlich runter, während wir uns wegen des nur 19°C kühlen Wassers in ziemlich dicke Neoprenanzüge zwängen mussten mit allem Drum-und-Dran wie Weste, Handschuhe, Füßlinge, Kappe, weshalb wir überhitzten, führten dazu, dass mir übel und schwach wurde und sich bei Patrick zudem die Bronchien verkrampften (obwohl er noch nie eine allergische Neigungen hatte!). Mir ging es sofort besser, nachdem ich im kühlen Wasser war, Patrick bekam Atemnot und musste wieder zurück an Bord, konnte den Tauchgang nicht mitmachen, was sehr schade war.

Da ich ein sehr unternehmungslustiger Mensch bin und in meinem Leben viele Einschränkungen aufgrund meiner Gesundheitsprobleme erfahren musste, habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, meine Biologie zu „hacken“. Je mehr du verstehst, was in deine Körper abläuft, desto besser kannst du deine „Maschine“ steuern, warten, pflegen und Prävention betreiben (plus einer großen Portion Selbstliebe und -Fürsorge) und bist vielen Umständen nicht einfach nur mehr so ausgeliefert.

Ich bin immer wieder perplex, wenn ich mit Tauchlehrern spreche, die noch nie von den Zusammenhängen mit Histamin gehört haben, dabei werden Antihistaminika (Blocken das Andocken von Histamin an die Histaminrezeptoren und unterbrechen somit die Signalwirkung) standardmäßig als Medikament gegen Reiseübelkeit und Seekrankheit eingesetzt (schau das nächste Mal in den Beipackzettel) und weitere Histaminsymptome wie Asthma bei der Tauchuntersuchung abgeklärt. Gerne gebe ich dann mein Wissen weiter, was dankbar angenommen wird, denn Seekrankheit wird von den Tauchlehrern gefürchtet, man möchte schließlich seinen Kunden gerne ein schönes Erlebnis ermöglichen.


Hier deswegen meine besten Tipps gegen Seekrankheit
  1. Iss vor einer langen Autofahrt, Schiffsreise, Tauchgang o. ä. proteinarm oder faste! Histamin und andere Neurotransmitter, die vermutlich mit an der Übelkeit beteiligt sind, werden aus Aminosäuren (Proteinbausteine) wie Histidin hergestellt. Unsere Fährrückfahrt startete um 7:30 Uhr, und da ich zwischen Abendessen und Frühstück in aller Regel 12-15 Stunden Zeit lasse (intermittierendes Fasten), unternahm ich sie nüchtern. Die halbe Passagierbesatzung lag flach und hatte die Kotztüten draußen, mir ging es super und ich konnte die Zeit nutzen zum Lesen und Postkartenschreiben. Nach einem riesigen Steak direkt vor einer vorherigen Fahrt ging es mir dagegen ziemlich elend.
  2. Iss vor einer entsprechenden Aktivität histaminarm! Patrick hatte seine Pizza mit Käse, Salami und Tomatensoße auf dem Schiff bereut. Es kann sogar ratsam sein, wenn du wirklich sehr empfindlich bist oder einfach die Risiken minimieren willst, einen ganzen Tag zuvor histaminarm zu essen. Ja, das bedeutet leider auch ein Verzicht auf Wein und Bier. Welche Lebensmittel sind histaminreich?
  3. Iss reichlich gesunde antihistamin-Nahrung.
  4. Viel trinken, verdünnt das Histamin im Blut und hilft, es auszuscheiden, da es wasserlöslich ist.
  5. Trinke etwas Salzwasser. Die Wirkung dürfte durch Osmose erfolgen, das Histamin wird aus den Zellen gezogen.
  6. Vitamin C: Mein absoluter Liebling. Ob die Seefahrer nicht nur wegen Scorbut reichlich Zitronen und Sauerkraut auf lange Fahrten mitnahmen? Ich las von griechischen Bootsführern, die Touristen vor der Überfahrt eine Scheibe Zitrone reichten. Ratten, die in Tierversuchen seekrank gemacht werden, beginnen schnell viel körpereigenes Vitamin C zu synthetisieren (was wir Menschen nicht können). Ascorbinsäure zerstört den Imidazolring des Histaminmoleküls und sorgt für geringere Bildung aus Histidin durch Hemmung des Enzyms Histidin-Decarboxylase und regt die Diaminoxidase (histaminabbauendes Enzym) an.(1) Es ist davon auszugehen, dass Seekrankheit die körpereigenen Vitamin C-Reserven von Seeleuten noch schneller verbraucht und somit Skorbut gefördert hat. Das Schöne ist, dass Vitamin C nicht müde macht und ansonsten auch keine Nebenwirkungen hat (Ausnahme sind sehr empfindliche Magenschleimhäute), selbst bei fortgeschrittener Seekrankheit noch gut wirkt und allgemein sehr wichtig für den Körper ist. Es empfiehlt sich, das Vitamin C (500-1000mg) nach und nach einzunehmen, da der Darm nur begrenzt Transportmoleküle besitzt, um es ins Blut zu schleusen. Also entweder als Retard-, als Lutschtablette oder aufgelöst in Wasser. Am besten damit anfangen, bevor die Symptome unerträglich werden oder bei Empfindlichkeit präventiv vor einer entsp, da es mind. eine halbe Stunde dauert, bis die Wirkung einsetzt, aber dann merkt man richtig, wie sich eine schwere Decke hebt.
  7. Weitere Trigger meiden, dich an der frischen Luft und eher kühl aufhalten. Dabei auf den Horizont schauen, am besten stehend und die Bewegungen ausgleichend, um dem ZNS wieder die richtigen Signale zukommen zu lassen.
  8. Dem Körper Sicherheit signalisieren, reduziere akuten Stress! Angst und Widerstand machen es nur schlimmer. Histamin ist oft ein Warnsignal, das bei Stress vermehrt ausgeschüttet wird, sogar wenn wir uns zusätzlich gefühlsmäßig stressen. Versuche, dich mit Abstand wie von außen zu betrachten. Würdige, dass es sich besch… anfühlt, aber ohne in dem Gefühl verloren zu gehen. Sage dir, dass es nur vorübergehend ist, auch wenn es sich akut wirklich schlimm anfühlen kann. Atme ruhig, gleichmäßig, tief in den Bauch, verlängere die Ausatmung. So vermittelst du deinem Körper, dass du das Signal wahrgenommen hast (er es also nicht verstärken muss), du alles im Griff hast und die Gefahr nicht nennenswert ist. Versuche, dich abzulenken, z.B. mit Fotografieren oder höre dir ein Audiobook an oder male dir aus, was du als nächstes Schönes erleben wirst, wenn diese Situation überstanden ist. Versuche die Balance zu finden zwischen „genügend mit dem Elend zu sein“ und „es nicht unnötig von dir Besitz ergreifen zu lassen“. Denk dran: Druck erzeugt Gegendruck, was man versucht, wegzudrücken, wird nur stärker. Probiere aus, was passiert, wenn du über die Situation und dich selbst lächelst.
  9. Wenn alles nichts hilft und wenn möglich: Mach es dir bequem und mach ein Nickerchen. Patrick und ich haben bei der zweiten Fahrt extra unsere Campingkissen mitgenommen. Im Schlaf wird Histamin wieder abgebaut.

Auch hier scheint es möglich zu sein, dass der Körper resilienter wird. Ich selbst hatte früher keinerlei Neigung zu Seekrankheit im Gegensatz zu anderen Familienmitgliedern, dies habe ich erst seit meinem absoluten gesundheitlichen Tiefpunkt, seit dem ich meinen Mastzellen erst wieder beibringen musste, dass ich mein Leben im Griff habe. Meine Yogalehrerin berichtete mir, dass sie beim Dana Aerial Yoga (ein akrobatisches Yoga, bei dem man freischwebend im Tuch hängt, mit der leichten, stetigen, beruhigenden aber evtl. auch triggernden Bewegung) die ersten Male so wie ich auch an Übelkeit litt, und es (wie bei mir) nun einwandfrei funktioniert, sie selbst hat zudem eine deutliche Besserung ihrer eigenen Reiseübelkeit auch anderweitig feststellen können. Bei mir tritt sie ohnehin nur in Extremsituationen auf Reisen auf (fremder Ort + wenig Schlaf + nicht ideales Essen + Aufregung + Hitze etc…).

Ebenfalls interessant: Seekrankheit tritt selbst in der Raumfahrt, bei Blinden und Fischen auf und Schweine werden nicht seekrank. Da sie auch von verdorbenen Nahrungsmitteln leben, haben sie eine erhöhte Produktion des Enzyms Diaminoxidase, weswegen man es aus Schweinen gewinnen kann (ich bin allerdings kein Freund von den gängigen Präparaten aufgrund der Füllstoffe).

Teile gerne mit uns deine eigenen Erfahrungen!


(1) Hagel, Alexander F., et al. “Intravenous infusion of ascorbic acid decreases serum histamine concentrations in patients with allergic and non-allergic diseases.” Naunyn-Schmiedeberg’s archives of pharmacology 386.9 (2013): 789-793.

Dazu wichtigste Leseempfehlung: Histaminintoleranz, Histamin und Seekrankheit, Reinhart Jarisch


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