Mastzellaktivierungsstörung – Der pseudoallergische Reizdarm

Mastzellen und Histamin

Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfungen, Durchfall und immer mehr Nahrungsmittelunverträglichkeiten… Wo kommt das Immunsystem ins Spiel? Und was haben Nerven damit zu tun, ohne bei der mehr als unbefriedigenden Antwort zu verbleiben, dass deine Probleme “stressbedingt” sind?

Lass uns von vorne beginnen. Was ist dein Darm überhaupt, biologisch betrachtet? Dein Darm ist die wichtigste Grenzpforte zwischen deiner Umwelt und deinem Körperinneren. Überlege dir nur einmal, was für ein unvorstellbar intimer Akt der Vorgang des Essens und Verdauens ist! Du tust es in der Intention, etwas völlig Fremdes (Teile einer Pflanze oder eines fremden Tieres) zu einem Teil deiner Selbst zu machen. Dein Körper wandelt die Nahrung um in Baumaterial für die eigenen Organe und Enzyme oder in Treibstoff.

Dies darf aus naheliegenden Gründen nicht leichtfertig geschehen, sondern unterliegt strengen Kontrollen auf gefährliche Eindringlinge wie Bakterien, Pilze, Einzeller, Toxine… Denn: Von der ultradünnen Darmschleimhaut geht es direkt in deinen Blutstrom und von dort aus: Zu all deinen lebenswichtigen Organen. Es macht von daher Sinn, dass unser Körper dem noch eine Instanz zwischengeschaltet hat: 70-80% unseres Immungewebes ist um unseren Darm angeordnet (“gut associated lymphatic tissue”). Stelle es dir wie die größte und dichteste Ansammlung an Lymphknoten in deinem Körper vor. Du hast es sicher schon erlebt beim Verzehr einer unverträglichen Mahlzeit, dass dein Bauch nicht nur gasbedingt anschwillt, sondern auch ohne Blähungen dick und aufgedunsen wirkt, obwohl du ansonsten schlank bist. Das ist das geschwollene Lymphgewebe, das wegen irgendetwas Alarm schlägt.

Nun möchte ich dir die Wächter, das Securityteam deiner Grenzpforte vorstellen: Mastzellen. Es handelt sich um Abwehrzellen deines Immunsystems (Granulozyten), weiße Blutkörperchen, die genauso aussehen wie ihre Verwandten, z.B. die Eosinophilen, die allerdings nicht im Blutstrom patrouillieren, sondern ihren Sitz in Barrieregeweben, wie eben der Darmschleimhaut haben. Sie sind die ersten, die mitbekommen, wenn sich etwas Verdächtiges abspielt, dann schlagen sie sofort Alarm: Sie platzen und entlassen dabei den Inhalt ihrer mit Kampfstoffen gefüllten “Bomben” (Granula).

Der bekannteste Abwehrstoff dürfte das Histamin sein. Du kennst Histamin: Es ist der Stoff, der für Juckreiz, Schwellungen und Hitzeentwicklung sorgt, wenn du in eine Brennnessel gefasst hast oder von einer Mücke gestochen wurdest. Er sorgt für Entzündungen.

Mastzellen geben allerdings noch dutzende weiterer Stoffe ab. Dies sorgt zum einen für eine direkte Vernichtung des Pathogens, lockt aber gleichsam andere Arten von Immunzellen aus dem Blut an und versetzt sie in Angriffsstimmung.

Dies ist ein völlig natürlicher und gewollter Vorgang und normalerweise bekommst du davon nichts mit. Gerät, wie bei allen Erkrankungen, etwas arg aus dem Gleichgewicht, so kann dies zu körperlichen Symptomen führen: Entweder dein Körper beginnt, übertrieben viele Mastzellen zu produzieren oder er füllt sie übertrieben stark mit Kampfstoffen oder sie bilden einfach mehr Rezeptoren für bedrohliche Stoffe und werden hochsensitiv. In jedem Fall kommt es zu Kollateralschäden, die der Körper irgendwann nicht mehr genügend regenerieren kann: Es kommt zu Mikroentzündungen und zu einer intestinalen Permeabilität (“Leaky Gut”). Reaktionen auf harmlose Lebensmittel spielen sich ein, da Nahrungsbestandteile in deine Lymphe und Blut gelangen.

Was sind weitere Symptome neben Verdauungsbeschwerden?

Überlege einmal, an welchen weiteren Symptomen du neben deinem Reizdarm leidest. Mastzellen residieren in unseren Barriereorganen, um unsere Arterien und Organe und in unserem Bindegewebe, da hier die Grenze zur Umwelt besonders dünn ist. Was sind unsere weiteren Barriereorgane neben dem Darm? Ganz klar, unsere Haut. Aber auch die Lunge stellt eine Barriere für einen Austausch mit der Umwelt dar, jegliche Schleimhäute, sei es im Urogenitaltrakt, Augen, Ohren, Mund (der zum Darm gezählt wird), sogar in unserer Blut-Hirn-Schranke sitzen sie, um unser sensibelstes Organ zu schützen. In all diesen Organen stellt das Histamin einen entscheidenden Neurotransmitter dar.

Vielleicht erahnst du nun einen Zusammenhang zwischen Symptomen, die scheinbar unabhängig voneinander auftreten und bislang separat behandelt wurden? Was deine Hauterkrankung, Heuschnupfen, Asthma, Menstruationsbeschwerden, Konzentrationsprobleme, Stimmungsschwankungen oder Kreislaufprobleme mit deinen Darmproblemen verbindet und wie derartige Symptome und Entzündungen durch Nahrungsmittel ausgelöst werden können?

Zwei Dinge sind wichtig zu wissen

Erstens: Immunzellen können sich über den gesamten Körper gegenseitig aktivieren, und zwar innerhalb von Sekundenbruchteilen, über sogenannte Zytokine (hormonähnliche Proteine). Kommt es zu einer Reizung des Darms durch eine Nahrungsmittelreaktion, kann dem ein plötzlicher Fließschnupfen, Niesattacke, Atemnot, Ausschlag, Stimmungsabfall, Migräne oder Erschöpfung folgen.

Zweitens: Mastzellen werden in der Regel im Zusammenhang mit Immunglobulin E genannt, das heißt, sie werden bei einer sofortallergischen Reaktion getriggert. Mastzellen können allerdings über eine Vielzahl weiter Faktoren direkt aktiviert werden, z.B. durch Oberflächenproteine  von Pathogenen, Toxine, Sexualhormone (werden deine Symptome ab dem Eisprung schlimmer?), Proteinsequenzen von Lebensmitteln und mechanische Reizung (Verletzung).

Vielleicht ist dir zudem aufgefallen, dass es sich bei den Barriereorganen wie Haut, Darm und sonstige Schleimhäute und natürlich dem Gehirn um sehr empfindsame Körperstellen handelt, über die wir viel an Umweltreizen empfangen. Diese Organe sind stark enerviert, und um die Nervenendigungen tummeln sich besonders viele Mastzellen. Denn: Mastzellen besitzen Rezeptoren für Stresshormone und Neuropeptide, die von den Nervenendigungen sezerniert werden. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme unseres Körpers, um superschnell auf Bedrohungen reagieren zu können. Unsere Immunzellen wollen schon Bescheid wissen, wenn du von einem Wolf verfolgt wirst und Gefahr läufst, eine Wunde zu kassieren, damit sie diese schnell schützen und behandeln können.

Was heißt das nun praktisch?

Die Mastzellaktivierungsstörung ist erst relativ jung in der medizinischen Literatur diskutiert, in der Praxis nur wenigen Spezialisten vertraut und die WHO-Definition gestaltet sich als schwierig, da es sich um ein heterogenes Krankheitsbild mit einem breiten Spektrum handelt. Bedenkt man, dass atopische und allergische Erkrankungen zu den Mastzellerkrankungen zählen, ist sie weit verbreitet, bis 30% der Population ist betroffen. Von einem Mastzellaktivierungssyndrom spricht man, wenn mehrere Körpersysteme betroffen sind.

Neben den offensichtlichen Symptomen, die mit einem Fragebogen abgeklärt werden müssen, können verschiedene Blut-, Stuhl- und Urintests sowie Knochenmarks- und Gewebebiopsien Aufschluss geben, allerdings sind diese Marker stark kontextabhängig und nicht zuverlässig, und die invasiven Eingriffe sehr belastend für die ohnehin schon sehr mitgenommenen Patienten.

Das zuverlässigste, das du selbst tun kannst, ist, ein Ernährung-, Lebensstil- und Symptomtagebuch zu führen um Zusammenhänge zu erkennen.

Das große Gesamtbild zu sehen eröffnet viele neue Herangehensweisen, statt nur die einzelnen Organe separat zu behandeln.

In jedem Fall gilt: Ursachen finden und beheben!

Deinen Körper und die Gründe für das eigene Leid ein Stück mehr zu verstehen, kann eine Riesenerleichterung darstellen. Doch natürlich sollte der nächste Schritt sein, dass du körperliche Besserung erfährst. Aus diesem Grund möchte ich dir zum Abschluss die typischen Auslöser vorstellen, die deine Körpersecurity zum Großeinsatz rufen.

Das Ziel muss in jedem Fall sein, dass sich das geschädigte Gewebe regeneriert und resilienter wird, denn offene Stellen, Infektionen und Entzündungen triggern so lange sie bestehen die Mastzellen.

Ernährung

Im Grunde kann alles, was du schlecht verdaust, deinen Darm reizen, zum einen, da sich dadurch toxinbildende Darmflora bildet, zum anderen, weil Nahrungsproteine dein Immunsystem reizen. Natürlich müssen zudem Lebensmittel, gegen die du allergisch bist, gemieden werden.

Liegt erst einmal eine verstärkte Mastzellaktivierung vor, steigt auch der Histaminspiegel im Körper, weswegen histaminreiche Lebensmittel oft schlecht vertragen werden. Hierzu gehören geräucherte, gereifte und fermentierte Lebensmittel wie Salami, Schinken, Räucherfisch, Wein, Bier, Essig, Käse und Sojasauce, aber auch nicht genügend frische Lebensmittel.

Besonders problematisch sind Histaminliberatoren, da sie direkt zur Mastzelldegranulation führen. Hierzu gehören scharfe Gewürze, Nüsse, Tomaten, Ei-Weiß, Hülsenfrüchte, Kakao, citronensäurereiches Obst, Hefe, Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Aromen. Die einzelnen Liberatoren sind von Person zu Person unterschiedlich, weshalb hier mit Ernährungstagebuch und idealerweise mit professioneller Begleitung gearbeitet werden muss, statt nur nach Listen zu gehen und in Gefahr eines Mangels (und den unnötigen Verlust geliebter Lebensmittel) zu geraten.

Weitere Trigger

Allgemein ist die Frage zu stellen: Was stresst meinen Körper? Typische Auslöser, die den Körper in Stress versetzen sind: Infektionen (auch Dysbiosen), große Hitze oder starke Kälte, Verletzungen, physischer Stress (zu harter Sport, Sauerstoffmangel), psychischer Stress (Sorgen, Ängste, jedwedes Gefühl von Bedrohung, auch wenn es sich heutzutage in aller Regel um keine realen “Wölfe” mehr handelt), Schlafmangel, Chemikalien (Zigarettenrauch, Kosmetik- und Haushaltsprodukte, Umweltverschmutzung), bestimmte Medikamente und Betäubungsmittel, Änderungen in Luftdruck, Bewegung, Vibration (Reiseübelkeit), Nährstoffmängel.

Perspektive

Wichtig ist es, den Träger um seine Last zu erleichtern, doch zugleich ist es auch wichtig, den Träger zu stärken. Das Wirkungsvollste sind die kleinen täglichen Schritte, die du unternimmst, um deinem gesamten Körper Balance und  Resilienz zurückzuschenken. Ich sehe gesundheitliche Herausforderungen inzwischen als Einladung an, mehr über mich selbst zu lernen und mir mehr wert zu werden, sodass man der Selbstpflege einen höheren Stellenwert einräumt. Das kann dir kein Arzt abnehmen. Doch deine Mastzellen werden es dir danken.

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