Kaltes Duschen: Die richtigen Methode für Menschen mit sensiblem Nerven- und Immunsystem

Kaltes Duschen wird vielfach im alternativen Gesundheitsbereich und in der Biohackerszene empfohlen, auch im Bereich des Profisports wird es angewendet. Ist es auch für Menschen mit empfindlichen Mastzellen und Nervensystem empfehlenswert? Worauf solltest du achten? Mit welchen Tricks kannst du es dir erleichtern und deinem Körper die gesundheitlichen Vorzüge zuteil werden lassen?

Wie oft liest man: Tu dies für deine Gesundheit, es ist gut für dich. Doch die Dinge sind nicht schwarz und weiß. Gerade wir Hochsensitiven haben leider oft die Erfahrung gemacht, dass gut gemeinte Ratschläge für uns nach hinten losgegangen sind. Deswegen lass uns an dieser Stelle genauer hinschauen.


Vorteile des kalten Duschens

Mastzellen finden Kälte im Allgemeinen gut, sie wirkt beruhigend auf sie, jeder kennt die entzündungssenkende Wirkung eines Kühlpads bei einem physischen Trauma oder auch bei einer allergischen Reaktion und Ausschlag. Als ich nach meinem körperlichen Absturz vor ein paar Jahren wieder langsam mit dem Joggen und Hindernisläufen begann (endlich asthmafrei möglich), war einer meiner Tricks, um die Vorzüge des Schwitzens ohne entzündlichen Schub im Anschluss genießen zu können, immer hinterher eine ausgiebige kalte Dusche zu nehmen, oder mich sogar in die kalte Badewanne zu legen. Auf meiner Einstiegsjoggingstrecke gab es sogar eine Quelle auf halber Strecke, in der ich immer meine Arme zwischendrin badete, um einen Neurodermitisschub oder anhaltende Muskelschmerzen zu verhindern.

Wenn Muskeln stark beansprucht werden, kommt es IMMER zu entzündlichen Veränderungen im Zuge des Muskelwachstums. Immunzellen schweißen quasi altes Gewebe auf, sodass es neu (und besser) zusammenwachsen kann. Es fallen Stoffwechselendprodukte und Zellmüll an, was von Immunzellen aufgeräumt werden muss. Dies erleben wir, wenn die Entzündungen nennenswert sind, als Muskelkater, der nicht länger als eine halbe Woche andauern sollte. Wenn dieser chronisch wird, sprechen wir irgendwann von Fibromyalgie.

Kälte beruhigt das Immunsystem vor Ort im Gewebe und stimuliert darüber hinaus den Vagusnerv, der uns in den Parasympathikus bringt, den Zustand der Regeneration und Entgiftung (und Verdauung und Nährstoffaufnahme), aus diesem Grund machen sich dies Spitzensportler zur schnellen Regeneration zu Nutze.

Du kannst Kälte nutzen, um dein Immunsystem zu stärken und dich dadurch vor Viren und baktieriellen Infektionen besser zu schützen.

Die zwei möglichen Gefahren des kalten Duschens

Nun gibt es zwei Problemstellen bei empfindlichen Menschen, vor denen ich warnen möchte:

1. Mastzellen können jeglichen Trigger als Angriff werten, wenn sie kein OK vom System dafür bekommen!

2. Es gibt bei uns Menschen zwei Vagussysteme. Beide wirken verlangsamend und ruhigstellend im Körper. Das eine bringt uns in den Regenerations- und Wohlfühlbereich (ventraler Vagus), das andere aber in den evolutiv primitiven Notfall-Lebenserhaltungsmodus (Erstarrung, Freeze-Response), der bei gefühlter Todesgefahr zum Einsatz kommt (dorsaler Vagus)!

Hier an dieser Stelle deswegen wichtige Beobachtungen und meine besten Tipps zum richtigen Umgang. Wenn du ein gutes Körpergespür und ein ausgeglichenes System besitzt, wirst du diese Dinge wahrscheinlich bereits instinktiv beachten und dein Körper das Richtige tun.

Welcher Typ bist du?

1. Hast du jemals mit Kälteurtikaria oder Raynaud Syndrom zu tun gehabt? Dann geh sehr langsam und behutsam vor.

2. Bist du jemand, dem es schwer fällt, aus der Komfortzone heraus zu gehen? Hattest du in der Vergangenheit bereits Probleme mit Ängsten vor Körperempfindungen wie z.B. körperlichen Symptome, die nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel auftraten? Dann kann das Erlernen des kalten Duschens (oder Schwimmens in kalten Gewässern) eine wunderbare Gelegenheit sein, gezielt zu lernen, Ängste zu überwinden und mit Körperempfindungen umzugehen!

3. Bist du jemand, der eher abgestumpft ist, wenn es um den eigenen Körper geht? Auch für dich ist das kalte Duschen eine super Gelegenheit, deinen Körper einmal von einer ganz neuen Seite kennen zu lernen und in den Dialog mit ihm zu gehen.

4. Bist du jemand, der diszipliniert alles durchzieht und immer der Starke sei muss? AUF KEINEN FALL ZÄHNE ZUSAMMENBEISSEN! Das ist das Falscheste, was du tun könntest. Niemals aufkommende Empfindungen und Emotionen runterdrücken und tapfer sein, nein, vielmehr diese wunderbare Chance nutzen zu üben, “Energie zu bewegen und zu kanalisieren”. Es ist die beste Gelegenheit zu erlernen, auf gesunde Art angestauten Stress und Überreizung loszuwerden, was auch Histamin abbaut.

ACHTUNG: Wenn du akut an Burnout, Nebennierenerschöpfung, CFS, akuter Infektanfälligkeit, ständigem Frieren leidest, kann es sein, dass dir gerade eher Sauna und heiße Bäder gut tun würden, da sehr gut in dich reinspüren!

Der Selbstcheck

-Selbstcheck, dass du im ventralen Vagus bist: Bist du nach dem Duschen/dem Bad auf entspannte Weise wach, erfrischt, stabil energetisiert, gut gelaunt, kontaktfreudig, wache Sinne? Sehr schön, grüner Bereich, dein Körper ist im Entspannungsmodus  des Parasympathikus.

-Bist du nach dem Duschen/dem Bad aufgedreht, überdreht, starke Sinneseindrücke, übertriebene Laune oder Arbeitswut, die schnell in Müdigkeit oder Unterzuckerung resultiert, hastig, dir wird sehr warm, Hautreaktionen? Achtung, du hast deinen Körper in den Stressmodus (Sympathikus) katapultiert (kann mal ok sein als Kaffeeersatz)!

-Fühlst du dich neben der Spur, erschöpft, benebelt, dumpf, steif, kalt, willst dich zurückziehen, gefühlskalt, verschlossen, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme? Achtung, dein dorsaler Vagus, der evolutiv uralte Notschalter, deine vegetative Notbremse (Freeze-Response, Schockzustand, Totstellreflex, Energiesparmodus) ist angeschaltet worden! Dein Körper fühlt sich ganz und gar nicht wohl!

Meine besten Tipps

Mastzellen sind sehr primitive “Geschöpfe” und erhalten über unser limbisches System Informationen darüber, ob Gefahr droht und wir beschützt werden müssen, oder ob alles safe ist. Die oberste Regel lautet von daher: Sicherheit vermitteln! Stell dir vor, es sind deine Wachhunde und du willst nicht, dass sie sich auf deine Besucher, die kalten Wassertropfen, stürzen.

Geh deswegen mit einem Gefühl von Freiheit in die Dusche (nicht “ich muss das hier jetzt hinter mich bringen, ich muss das hier durchziehen”, sondern “ich will das hier aus freien Stücken, ich will mir etwas Gutes tun, und ich kann jederzeit aufhören”).

Bleibe in Kontakt: Mit deinem Atem (kannst du ihn weiter fließen lassen, oder hältst du ihn fest vor Schock?), mit deiner Umwelt (was siehst du, hörst du, riechst du, fühlst du; eine wunderbare Erdungsübung!), mit deinem Körper (wie fühlen sich die Muskeln an, etc.).

Bleibe locker, beweglich: Fang dich, wenn du steif wirst. Lass es zu einem kleinen Tanz werden.

Langsamkeit: Kannst du üben, deine Bewegungen beim Abbrausen oder deine Schwimmzüge etwas langsamer vonstatten gehen zu lassen, als es der Instinkt dir erst vorgeben möchte? Bewusste Langsamkeit vermittelt dem System das Gefühl: Alles ist cool, ich habe die Kontrolle, es ist gar nicht schlimm.

Gefühlen Ausdruck verleihen: Lass einfach raus, was gerade da ist! Wenn es sich unangenehm anfühlt, verleihe dem Stimme. Es kann auch eine wunderbare Gelegenheit sein, angestaute Gefühle des Tages rauszulassen oder in eine gute Stimmung für den Start des Arbeitsalltags reinzukommen. Kannst du ein Ja zum kalten Wasser finden und laut aussprechen? Am Ende ist vieles wirklich nur Kopfsache…

Humor: Ist dein Gesicht angespannt und verkrampft? Welchen Anblick bietest du unter der kalten Dusche? Kannst du über deine eigenen verkrampften oder ängstlichen Gefühle lachen? Es ist doch nur ein bisschen Wasser…

Geduld: Ist dein Ziel, nächste Woche an einem Eisbadwettkampf teilzunehmen oder willst du einfach nur deine persönliche Gesundheit um ein paar Prozent verbessern? Du brauchst niemandem etwas zu beweisen. Ich hatte z.T. Monate, in denen es gar nicht ging, in denen mein ganzes System aufgrund von Stress und Überlastung derart am Boden war, dass ich nur Sauna und heiße Bäder brauchte. Und dann kam irgendwann die Zeit, wo es mich ganz von selbst rief, meine Resilienz wieder zu trainieren. Gehe mit den Gezeiten des Lebens. Für den Anfang reicht es schon, zwischendrin einmal kurz auf kalt zu stellen, und danach wieder zum angenehm Warmen überzugehen. Oder du fängst nur mit einem Körperteil an oder gehst nur runter auf lauwarm… Es muss nichtmal die Dusche sein, es kann auch ein kaltes Gesichtswaschen im Waschbecken sein oder barfuß durch den Schnee laufen… Der Möglichkeiten gibt es viele! DU hast die Kontrolle und es schaut ja niemand zu.

Ausgleich: Wenn ich in den letzten Monaten eins gelernt habe, dann ist es, dass diejenigen, die sich weit aus der Komfortzone herausbewegen können, auch die sind, die zugleich eine sichere und üppige Komfortzone als Ausgleich besitzen. Und die, über die gesagt wird, dass sie sich nicht aus ihrer Komfortzone herauswagen würden, in Wahrheit die sind, die den Großteil ihres Lebens außerhalb ihrer Komfortzone verbringen müssen.

Mein finnischer Freund hier unten auf den Azoren wird dir bestätigen, dass das Wissen um das warme Feuerchen am heimischen Herd oder die zur Verfügung stehende Sauna ihren großen Beitrag leistet, sich dem kalten Wasser hinzugeben… Kluge Vorbereitung ist von daher alles! Vor allem, wenn du zu den Symptomen einer Dysautonomie neigst und dein Körper (so wie bei mir lange Zeit) Schwierigkeit hat, die Körpertemperatur gegenzuregulieren. Kühlpads und Wärmflasche waren lange Jahre meine besten Freunde.


Aber unser System ist eben trainierbar und ich hoffe, ich konnte dich mit diesen Hilfen dazu inspirieren und ermutigen, dich mit der Kälte auseinander zu setzen und diese wunderbare Methode für deine Mastzellen und deinen Vagusnerv zu nutzen. Ich persönlich (als ehemalige Frostbeule, meine Schilddrüse lief früher mit Sicherheit auch nicht optimal) genieße diese neu gewonnene Freiheit und schwimme hier auf den Azoren das ganze Jahr hindurch im kristallklaren Wasser. Im Winter bei 16°C Wassertemperatur habe ich die wunderschönsten Buchten für mich alleine.

Schreibe mir gerne von deinen Erfahrungen!

Meine Empfehlung: Schau dir auf diesem Kongress mein Interview an, aber auch das von Wim Hof, dem “Iceman”! Bei seinem Schüler Kaspar van der Meulen habe ich 2017 in Helsinki einen Workshop belegt.

4 thoughts on “Kaltes Duschen: Die richtigen Methode für Menschen mit sensiblem Nerven- und Immunsystem

  • Avatar
    8. April 2020 at 15:26
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    Lieben Dank für die Erläuterungen. Habe nämlich nach dem Interview vom Immunkongress mit Julia Tulipan gleich morgens mal angefangen damit, weil das ein Tipp war von ihr. Und abends dann das Interview mit Wim Hof gehört, was für mich Zufall war. Werde nun ganz unterstützt durch Deine Worte noch besser hinhören, wie mein Körpersystem das so findet.

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    • Doro
      9. April 2020 at 23:06
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      Danke fürs Lesen, liebe Nicole! Und wow,klasse, dass dus ausprobierst, mutig! Na das scheint dich doch echt zu rufen.

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  • Avatar
    14. April 2020 at 16:42
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    Danke für die Erklärung, der ganzen Zusammenhänge ! Das ist seit langen der beste Beitrag den ich je gelesen habe!
    Habe seit zwei Jahren die Diagnose: systemisches Mastzellaktivierungssyndrom.
    Hashimoto und mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einen einen einen zur Zeit ruhigen systemischen Lupus.
    Da ich mein Leben extrem Umstellen mußte, wegen zunehmenden Unverträglichkeiten, die in kurzer Zeit nach und auftraten: Schubweise Verbreitung von brennenden Schmerzen im Körper, Geruchsempfindlichkeit, chemische Sensibilität, Unverträglichkeit fast aller Nahrungsmittel und Zusatzstoffe. seit neustem Kälteallergie.
    So habe ich mich jetzt so zurückgezogen und vermeide jeglichen Stress!
    Habe mein Vit.D Spiegel wieder im Griff und alle andern Stoffe die mein Körper braucht! Nehme Hochdosiert Weihrauch serrata ein , was mich mit Ketotifen stabil hält, bei Vermeidung von Trigger!

    Aber dieser Artikel macht mir noch mehr Hoffnung, die ” primitiven Mastzellen in Sicherheit wiegen”
    Ich werde mich jetzt ganz langsam aus der Komfortzone rausbewegen und mit dem kalt Duschen beginnen!
    Herzlichen Dank nochmals für die super Erklärung, der Zusammmenhänge!

    Alles Gute fürs eigene Befinden, herzlichst Mo!

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    • Doro
      20. April 2020 at 20:04
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      Ich danke dir ganz herzlich für das Teilen deiner Erfahrungen, liebe Mo. Und danke für das Lob! Schreibe gerne mal, wie es sich weiterentwickelt hat. Alles Gute auch!

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