Meine Ankunft im eigenen Heim auf den Azoren

Ihr Lieben,

am Freitag erreichte ich meine Insel Graciosa auf den Azoren. Und mein Häuschen, meine Quinta. „Was ist es für ein Gefühl, den eigenen Grund und Boden, das eigene Zuhause zu betreten?“, schrieb mir eine gute Freundin.

Ich hatte mir wirklich Vorstellungen gemacht, wie dass ich vor Erleichterung weinend auf die Knie fallen und durch meinen großen Garten tanzen würde. So oft hatte ich mir diesen Moment vorgestellt. Wie ich das Tor zum Grundstück öffne, und…

Doch weit gefehlt. Jetzt war es so weit und ich war einfach völlig überfordert. Wenn du selber mit einem Trauma im Nervensystem gezeichnet bist, wirst du es vielleicht nachvollziehen können. Ich hatte allergrößte Zweifel, tiefe Ängste kamen hoch. Zudem hatte ich Patrick in Porto zurücklassen müssen, da es Probleme mit dem Überschiffen meines Autos gab. Unter Zeitdruck musste ich mir ein Flugticket kaufen, die Entscheidung schnell treffen, damit ich meine Schwester begleiten konnte, die mit uns reist und die noch nie auf den Azoren war.

Ja, und dann stand ich hier, vor unserem Neuanfang. Der Garten wirkte so anders, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Verlassen von der aufopferungs- und liebevollen Pflege seiner Vorbesitzerin und durch viel Regen in letzter Zeit sah er ziemlich verwildert aus. Hurrikan Lorenzo hatte zudem seine Spuren hinterlassen. Fand ich im Sommer noch eine Fülle an Obst und Gemüse vor, so waren es jetzt fast nur noch Unkräuter und Brombeerranken. Wie sollte ich das alles je wieder in Ordnung bringen? Kann ich so einen großen Garten dauerhaft halten und pflegen?

Die Zimmer, zuvor schlicht und rustikal aber liebevoll und künstlerisch eingerichtet, waren nun sehr kahl. Die wichtigsten Dinge sind geblieben (vor allem eine voll ausgestattete Küche mit Spülmaschine), aber keine Schränke, keine Regale, kein Schreibtisch… Ich hatte kein Internet und dann ging auch am ersten Abend das Gas leer, das wir für den Herd und Heißwasser brauchen.

In mir schrien die Gedanken und Gefühle durcheinander. Zunächst kam der Fluchtimpuls. Das ist zu groß für dich, dem bist du nicht gewachsen. X und Y haben es dir doch gesagt. Ein naiver, kindischer Traum, wer bist du, dass du solch ein Vorhaben angehen willst. Du bist zu schwach dafür. Du hast kein Geld. Bearbeiten rückgängig. Dann die Erkenntnis, dass ich den Großteil meiner Sachen in Deutschland entsorgt und verkauft habe. Dort keine Wohnung und Auto mehr habe. Das Gefühl von Erstarrung, Ausgeliefertheit. Und dem folgend die typischen Symptome: Hirnnebel, Erschöpfung, Muskelsteifheit, Verdauungsprobleme.

Und doch blieben dies nicht die einzigen Stimmen in mir. Schau Doro, sagte ich mir, das ist doch genau das, was du immer und immer wieder deinen Klienten und Workshopteilnehmern erzählst, wenn es um das Gesundwerden geht. Am Anfang stehst du da mit deinem Körper und der langen Liste an Symptomen. Du musst zunächst so vieles umstellen in deinem Lebensstil, Equipment und Nahrungsergänzungsmittel einkaufen, so vieles an neuem Wissen über die Biologie deines Immunsystems lernen, neue Praktiken und Routinen. Du musst vieles hinterfragen, was dir die Ärzte gesagt haben, und auch gegen die zweifelnden Stimmen deiner Angehörigen standhalten.

Blick in unseren Garten

Es ist, als würdest du mit einer rostigen Machete vor dem dichten Gestrüpp eines riesigen, undurchdringlich erscheinenden Dschungels stehen, so wie ich nun vor diesem subtropischen Garten. Du weißt erstmal gar nicht, wo du anfangen sollst und fühlst dich bei weitem nicht entsprechend ausgestattet. Oder du stehst vor dem großen Nichts, so wie ich vor den leeren Räumen stand. Wenn man zum ersten Mal genau und ehrlich hinschaut, auch in Bezug auf das eigene Leben und den eigenen Körper, kann es absolut erst einmal so erscheinen. Du siehst die Schmutzflecken, wo der Putz von der Wand bröckelt, wo dringend die Fußleisten ausgebessert werden müssen, wo die Fliesen nicht mehr den modernen Standards entsprechen. Wo es Mankos in der Verkabelung gibt. Wo es noch altes Gerümpel zu entsorgen gibt. Ängste, Scham, Trauer und Reue können einen einholen und müssen erstmal bewältigt werden.

Aber so, wie ich ohne ein Dach über dem Kopf nicht leben und somit nicht einfach rückwärts hier wieder rausgehen und abhauen kann, so kannst du erst recht nicht ohne deinen Körper leben! Und doch leben wir heutzutage so, als könnten wir es. Wir checken aus aus unserem Körper, entfremden uns von ihm, verlieren den natürlichen Bezug zu ihm, wie ihn Kinder und Tiere noch haben. Meine Ausbilder Marc David, Dr. Stephen Porges, Maud Raber und Irene Lyon sprechen von „Disembodiment“. Entkörperung. Wir behandeln unseren Körper schlecht, vernachlässigen ihn, nutzen ihn nur, um Leistung aus ihm rauszuholen und geben es fremden Menschen, wie unseren Ärzten, Heilpraktikern, Psychiatern oder anderen Heilern in die Hand, ihn funktionsfähig zu halten. Wir wollen alles haben, aber selbst nichts geben. Medikamente und Pflegeprodukte sollen ihn schnell wieder herrichten. Wir wollen seine individuellen und sich stets (den biologischen Regeln folgend) wandelnden Bedürfnisse nicht kennen lernen, sondern das fressen, was uns die Ernährungsgurus, Diätbücher, Ernährungsgesellschaften oder die Nahrungsmittelindustrie uns auftischen.

Wir sind schnell dabei, Träume und Wünsche zu äußern, auch in Bezug auf unseren Körper, aber wir müssen dann auch bereit sein, die volle Miete zu bezahlen. Den Weg zu gehen, und nicht bei der ersten Hürde und dem ersten Zweifel wieder die Flucht zurück in unsere alten Lebens- und Verhaltensweisen ergreifen. Ganz ehrlich unter uns gesprochen: Es ist tatsächlich nicht einfach. Deswegen suche ich mir die Klienten, mit denen ich arbeite, auch gut aus. Denn Schwierigkeiten werden auftauchen. Fehler und Ängst sind völlig normal (oft sogar gut und wichtig), aber man muss einfach bereit sein, die Selbstverantwortung zu erlernen. Es hat schon seine Gründe, warum über 90% der guten Neujahrsvorsätze nach wenigen Wochen scheitern. Warum mehr als 9 von 10 Menschen, die erfolgreich abgenommen haben, das Gewicht bald wieder drauf haben. Warum behauptet wird, dass das selbstständige Gesundwerden von einer Autoimmunerkrankung, einer Allergie oder einer psychischen Störung unmöglich sei.

Ich spreche aus tiefstem Herzen meinen Dank aus gegenüber all den Buchautoren, Leitern von Gesundheitskursen, Mentoren und Coaches sowie fleißigen Kollegen, dank derer ich gelernt habe, mein Fühlen und Denken so zu beeinflussen, dass ich lösungsorientiert arbeiten kann. Aber vor allen Dingen auch, dass ich weiß, dass all dies zum normalen Prozess des Wachsens, aus der Komfortzone Ausbrechens, des Gesundwerdens, des Erwachsenwerdens, dazugehört. Es macht auch aus neuroimmunologischer Sicht Sinn. Auch unser Gehirn erlebt „Wachstumsschmerzen“.

Also, ich werde nun mit Gelassenheit hinnehmen, was ich zur Zeit nicht ändern kann, und mit Struktur an das gehen, wo ich erste Ansatzmöglichkeiten für mich sehe am Projekt Azoren. Und mir einfach viel Zeit geben. Ich werde beginnen, mir erste Schneisen durch den Dschungel zu schlagen, die nach und nach größer werden.

Dieser Ort bietet so viel Potential, und dies möchte ich in Zukunft auch Gästen zugänglich machen, die meinen Traum von einem selbstbestimmten, naturnahen und gesunden Leben teilen. Die Luft ist hier so sauber, es ist ruhig und friedlich, die Menschen offen gegenüber Fremden und sehr hilfsbereit. Der reiche Vulkanboden ist fruchtbar und mineralstoffreich, das Internet gut, zugleich schirmen die dicken Vulkansteinwände mit ihrer besonderen molekularen Struktur vor Strahlung von außen ab, aber auch wenn ich draußen bin, bekomme ich kein einziges fremdes WLAN Signal, da viel Platz zu den Nachbarn herrscht. Und das Meer… Das Meer gibt so viel Frieden.

Hier ist wirklich ein Ort, an dem ich zur Ruhe finden kann, wenn ich mich dafür entscheide, es mir von ihm beibringen zu lassen. So, wie sich dieser Vertrauensvorschuss in meinen eigenen desolaten Körper mehr als ausgezahlt hat.

Ich werde weiter berichten!

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