Hauskauf und Auswandern auf die Azoren Teil 1

Ihr Lieben!

Ich schreibe euch gegen Ende eines siebenwöchigen Azorenaufenthaltes. Vor drei Jahren kam ich das erste Mal hier auf die zweitkleinste Insel, Graciosa, um als Biologin in Zusammenarbeit mit der azorischen Uni Daten für meine Masterthesis zu sammeln. Mein Wunsch damals war einfach, den Sommer nicht im Labor verbringen zu müssen, denn während einer solchen Zeit bin ich damals sehr schwer krank geworden.

Was ich gewann, war nicht einfach irgendein Titel. Es war ein völlig neues Lebensgefühl. Viele wunderbare neue und dauerhafte Freundschaften. Ein Gefühl von Heimat. Im süßen, liebevoll quasi eigenhändig wiederaufgebauten traditionellen Häuschen eines älteren deutschen Ehepaars mit unglaublichem Garten verbrachte ich die ersten Tage auf den Azoren.

Mein Immunsystem fühlt sich nicht nur sehr viel wohler am Meer, Graciosa ließ mich einfach „ankommen“ mit seiner langsamen, beschaulichen, noch sehr bäuerlichen Lebensweise. Graciosa zieht zudem viele Andersdenkende, Künstlerseelen, Heiler und sehr spirituelle Menschen an, die wieder in Rückbesinnung zur Erde leben wollen, und die auch viel Ruhe und Stille brauchen. Ich erlebte es hier wie die bedingungslose Aufnahme in eine große, internationale Familie, die füreinander da ist und füreinander sorgt. Wahrscheinlich spiegelte ich dies auch genauso zurück, und ich begriff erstmalig, was mir wirklich gefehlt hatte.

Als Patrick und ich vor einem Jahr wieder hierherkamen dann die Idee. Warum nicht hier ein Häuschen kaufen? Wenn es uns doch so sehr gefällt und wir solche Probleme haben, in Deutschland Wurzeln zu schlagen, wenn andere es auch schaffen, warum dann nicht? Meine Arbeit 1) 2) findet ohnehin zu 99% online statt. Und so begannen wir uns umzusehen, Erkundungen einzuholen,… und ernsthaft über unser Leben nachzudenken.

Innerhalb des letzten Jahres habe ich mich von vielen Dingen getrennt (auch z.B. von meinen heißgeliebten Axolotln), von denen ich dachte, dass ich ohne sie nicht kann, weil sie mir soviel Halt geben. Doch ich erinnere mich noch, wie ich nach dem Schauen von Camerons „Avatar“ mich, als sei es zum ersten Mal, in meiner Wohnung umschaute und es kaum ertragen konnte zu begreifen, in welchem Verhältnis wir Menschen heute zur Natur leben. Natur nur in quadratischen, praktischen Glaskästen und Käfigen, Pflanzen eingesperrt in kleinen Töpfen…

Doch wie bei der Ernährung und bei Süchten ist es einfach so, dass es schlicht und ergreifend unsere Natur ist, dass wir nicht überleben können ohne etwas, das uns nährt und wir erst zu etwas Besserem übergehen können, wenn wir einen wirklich adäquaten Ersatz gefunden haben.

Ja, und wie beim Gesundwerden haben wir oft eine naive Vorstellung davon, wo wir hinwollen. Oder wohin wir zurückwollen. Doch den Weg zu gehen… Wären Schatzsuchen leicht, würde kein Mensch Interesse daran haben, diese Bücher zu lesen, in stundenlangen Filmen den Abenteuern der Helden zu folgen. Ja, naiv waren wir. Aber das ist auch ok. Zu wissen, was man sich wünscht, wohin es gehen soll, ist der erste wichtige Schritt. Das Wie folgt. Ja, wenn man es ernst meint, dann wird das Leben einen das Wie lehren. Und es wird dich immer und immer wieder auf den Prüfstand stellen und das Bild, das du hast, sich erst so richtig herauskristallisieren lassen.

Im Ausland zu leben, zumindest für ein paar Jahre… Eine wunderbare und verlockende Idee. Von einer großen Reise träumte ich bereits mit 19 nach meinem Abi. Doch dann fiel ich in mein erstes tiefes Krankheitsloch.

Der Gedanke an die Azoren beflügelte uns nun, mehr als 10 Jahre später. Ein Traumgrundstück hatten wir uns herausgesucht. Doch wir mussten lernen, dass es schlicht und ergreifend nicht so ist, dass die Welt nur auf uns gewartet hat. Dass man unser Geld dankbar annimmt. Dass man mit Freuden einem jungen Paar, das einen richtigen Start ins Leben vornehmen, eine Familie gründen und produktiver Teil der Gesellschaft werden will, das aus dem reinen Konsumleben ausbrechen will, das erschaffen und kreieren will und sich eines seit über 50 Jahren verlassenen Stückchens Erde annehmen und es zu einem fruchtbaren und nährenden Ort erblühen lassen will, das auch anderen Menschen Halt und Heimat geben kann, dieses schöne Stückchen Erde auch überlässt. Komplizierte Erbengemeinschaften, Auswanderungswellen vor einigen Jahrzehnten von den Azoren nach Amerika und neue bürokratische Gegebenheiten machten die Sache, die so einfach und verlockend gewirkt hatte, zu einem einzigen Frustspiel.

Große Tiefs wechselten sich ab mit Momenten großer Hoffnung und wunderbaren menschlichen Begegnungen. Immer, wenn scheinbar alles am Boden und völlig hoffnungslos erschien, ich wirklich einmal inne hielt und mich hingab, meine Kontrollzwänge ins Nichts liefen, erlebte ich unerwartete Unterstützung von Menschen, denen ich es gar nicht zugetraut hätte oder von denen ich niemals Hilfe angenommen hätte, die sich aber aufrichtig zu freuen schienen, Teil meiner Geschichte werden zu dürfen. Andere Geschichten begannen sich neben meiner zu entfalten und mit meiner zu verweben.

Ich habe in den letzte Jahren seit meiner Heilung hervorragend gelernt, für mich selbst zu sorgen, doch nun musste ich wieder mit der Geisteshaltung eines Anfängers an die Sache herangehen, lernen, demütig um Hilfe zu bitten bei Menschen, die sich mit behördlichen Dingen auskennen und die Sprache sprechen.

Ein weiteres wundervolles Grundstück, von dem ich mir ganz sicher war, dass es „es“ werden würde, wurde uns vor der Nase weggeschnappt und ich ging durch eine tiefe Phase der Trauer, für die ich im Nachhinein sehr dankbar bin. Sehr viel alter Schmerz und Abschiedsgefühle, die ich in der stressreichen Phase zwischen dem letzten und diesem Sommer nicht hatte richtig fühlen und verarbeiten können, konnten sich nun Bahn brechen und integriert, richtig verarbeitet werden. Hatte das Grundstück damit vielleicht schon seinen Daseinszweck für mich erfüllt? Indem es mir mental Halt gab, ein Ziel, auf das ich zusteuern konnte und mir ermöglichte, weiter zu träumen zwischen Januar und diesem Sommer, was mir wie eine unerträgliche Ewigkeit erschien, und was ich nur in Vorfreude darauf, Patrick dieses Grundstück zeigen zu können, aushalten und ich somit auch weitermachen und dranbleiben konnte?

Ein anderes Grundstück, über das ich vor einem Jahr noch fast die Nase gerümpft hatte, aber das sich nun als sehr zugängliche Option offenbart. Sehr günstig, angeboten von einem Menschen, zu dem schnell eine ehrliche Freundschaft entstanden ist und der zudem Handwerker ist. Ein perfekter Plan für unseren Start. Alles ist abgemacht. Patrick muss wieder zurück nach Deutschland fliegen, ich bleibe, um die Dinge festzumachen. Starke Ängste überkommen mich, tiefe Erinnerungen an meine Zeit der schwersten Erschöpfung und Gewichtsabnahme, in der jedes Quäntchen in meiner Ernährung kontrolliert sein musste und in der meine Hände von der Neurodermitis so sehr zerstört waren, dass Patrick mir beim Waschen und Ankleiden helfen musste. Ich soll mit meinen beiden Händen Geröll wegschaffen, mauern und Brombeerheckenmeere bändigen? Unmöglich. Große Aufruhr, Lähmung. Und dann stellt sich heraus, dass mit den Papieren etwas nicht stimmt, der Verkauf nicht stattfinden kann.

We all come from the sea, but we are not all of the sea. Those of us who are, we children of the tides, must return to it again and again, until the day we don’t come back leaving only that which was touched along the way.” ~Frosty Hesson / Chasing Mavericks

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