Azorenreise Juni bis Juli 2018 Teil 2

Falls du noch nicht gelesen hast: Teil 1 meiner einmonatigen Reise

Die fast 5-stündige Fährüberfahrt über die umliegenden Inseln São Jorge und Pico nach Faial war wunderschön bei der atemberaubenden Kulisse, allerdings handelte es sich um einen wackeligen modernen Katamaran, der entsetzlich schwankte. Mir war so übel und elend, dass an Lesen nicht zu denken war, aber ich will nicht gleich wieder “Mastzellerkrankung!” schreien, es ging einem Großteil der Passagiere so, einschließlich Patrick mit seinem eisernen Magen. Ich schreibe parallel gerade an einem Artikel, der erklären wird, wie ich mir sehr gut helfen konnte gegen die Seekrankheit. Bei Gepäckannahme auf Faial dann die böse Überraschung: Der histamin- und fruktosearme gute Bio-Rotwein, den ich von Zuhause mitgenommen hatte, ist ausgelaufen! *heul* Immerhin hatten wir eine Waschmaschine in unserer Airbnb-Unterkunft.

Das Häuschen ist einfach wunderschön, eines der alten, traditionellen Steinhäuschen kürzlich modernisiert, mit Terasse direkt an einem ausgetrockneten Kanal und ruhig gelegen. Doch leider war dann doch nicht alles so idyllisch. Es roch schon leicht feucht, aber als wir dann die ziemlich modernen und dicht abschließenden Schranktüren und Schubladen der Küche öffneten, kam uns übelster Muff entgegen. An Steingutschüsseln und Holzlöffeln hatte sich sichtbar Schimmel gebildet. Offenbar hatten die vorigen Besucher das Geschirr nicht vollständig getrocknet in den Schrank geräumt, was bei über 80% Luftfeuchtigkeit nicht so günstig ist. Auch eine Decke roch modrig. Ich bekam den Rest des Abends heftige Niesattacken. Wir rissen kurz alle (modernen, sehr dicht schließenden Aluminium-)Fenster und Türen auf, doch dann mussten wir wegen den erwachenden Mücken (auf Graciosa gibt es kaum welche) schließlich wieder die meisten Fenster schließen. Von der ersten bis zur letzten Nacht in dieser Woche auf Faial litt ich an den fiesesten nächtlichen Juckattacken wie schon lange nicht mehr, vor allem an meinem Fuß. Eher wie ein säureartiges Brennen von den Knochen aus. Es gab Momente da dachte ich, ich reiße mir die Zehennägel aus um da drunterzukommen und die Lymphe floss nur so aus meiner Haut zwischen den Zehen. Mindestens einmal pro Nacht musste ich aufstehen für eine ordentliche Dosis Vitamin C, was dann auch sehr gut half, sonst wüsste ich nicht, wie ich es überstanden hätte.

Zum Glück bekam ich in einer nahen Metzgerei frische Beinscheiben von den heimischen Weiderindern und vom Markt frisches Gemüse und Süßkartoffeln für einen immunberuhigenden Schonkosttag. Wie ich es dann (im gut gereinigten Geschirr) zubereitete, dachte ich mir, ob es denn so sinnig sei, dass ich jetzt hier im Urlaub stundenlang vorm Herd stehe und die Luftfeuchtigkeit noch mehr erhöhe in der Bude, auch wenn wir Handtücher nur draußen aufhingen, tagsüber alles aufgerissen hatten, und ab der nächsten Nacht Wege fanden, unsere Mückennetze aufzuhängen, was Erleichterung verschaffte. Ob es nicht unterm Strich für mich das Bessere wäre, lieber entspannt auswärts essen zu gehen, am besten draußen sitzend, allein schon für den Entspannungsfaktor?

Es ist nicht schön, wenn man immunologisch bedingt sowie durch die Schlafstörung weil man ständig von Schmerzen aufwacht, im Urlaub mit Erschöpfung zu kämpfen hat. Was mir gut tat, war das Tauchen, das kühle Salzwasser, die Ruhe und Schwerelosigkeit dort unten. Im Gegensatz zu meinen ersten Tauchstunden letzten Herbst bin ich richtig ruhig und mutig geworden.

An einem Tag ging es mir besonders schlecht, es fühlte sich an, als hätte mir jemand Metallplatten durch mein zentrales und motorisches Nervensystem geschoben. Ich muss zugeben, ich war am Tag zuvor sehr mutig gewesen bei den Keksen, die wir nach dem Tauchen angeboten bekommen hatten und dem auswärtigen Abendessen (das muss man nämlich auch sehen, wieviel man sich doch wieder “leisten” kann auf dem Gesundheitskonto. Kein Vergleich zu Zeiten, in denen ich nichts essen konnte und es mir noch schlechter ging). Deswegen mieteten wir für ein paar Tage ein Auto, auch um einfach mal aus dem Trubel der Stadt zu kommen. Ein kurzes Nickerchen in einem Gebüsch (eine meiner überlebenswichtigen Spezialfähigkeiten, überall schlafen zu können) auf einer ruhigen Aussichtsplattform mit herrlichem Blick über das Meer und die Nachbarinsel Pico mit ihrem über 2000 Meter hohen Berg (auf den wir eigentlich rauf wollten, wozu ich mich aber nicht in der Lage sah) sorgte bei einer vorbeikommenden Touristengruppe für Erheiterung, aber mir ging es deutlich besser, sodass wir ein bisschen wandern konnten.

Zum Wandern sind die Azoren einfach das ideale Reiseziel! Nur unsere fast dreistündige Wanderung um den Vulkankrater (Caldeira) ließ uns fühlen wie die Hobbits auf dem Gipfel des Caradhras, denn der Berggipfel war eingehüllt in eine dicke Wolke. In dem Nebel konnten wir vielleicht 10 Meter weit sehen, von Aussicht konnte keine Rede sein, und als es dann zu stürmen und zu regnen anfing und der Weg immer rauer wurde und man nicht erahnen konnte, wie weit es wohl noch bis zum Ziel sei, wurde mir schon mulmig zumute. Immer wieder sagte ich mir: Ich habe einen völlig normalen Körper wie jeder andere auch, ich schaffe das. Im Nachhinein bin ich dankbar über diese Erfahrung und sehr stolz auf meinen Körper.

Alles in allem hat es mir wieder sehr gut gefallen auf Faial, die Vegetation ist einfach herrlich und man trifft junge Leute, auch viele Biologen, und Segler aus aller Welt. Ich bezeichne Horta als das Berlin der Azoren.

Nach Faial ging es wieder zurück nach Graciosa, wo wir wieder eine Woche beim Nationalparkdirektor Pedro und seiner Frau Xia, die Psychologin ist, in der Hauptstadt Santa Cruz (ein größeres Dorf) verbrachten. Hier war es sehr schön, das Meer genau vor der Tür zu haben, und auch wenn man deutliche Spuren von Wasserschaden und Schimmel im Haus sieht, so war in dem Keller, in dem wir übernachteten, ein sehr gutes Raumklima und so ein Familienhaus ist natürlich stetig gut belüftet im Gegensatz zu einem Ferienhaus, das auch mal tagelang hermetisch abgeriegelt steht, sodass meine Nächte sogleich deutlich besser wurden.

Auf dieser Reise fing ich erstmalig wieder deutlich an, mich an mehr Lebensmittel heranzuwagen, wieder regelrecht “normal”(-vollwertig) zu essen. Es ist für mich einfach die Zeit gekommen, mir wieder Land zurückzuerobern und mehr in die Auseinandersetzung zu gehen.

Bei Sónia auf der Spirulinafarm konnten wir diese Woche miterleben, wie die Spirulina geernet und getrocknet wird. Melde dich bei mir, solltest du Interesse an einer Packung von dem hochwertigen Nahrungsergänzungsmittel haben, ich habe ein paar Packungen mitgebracht! Ich mache mir zur Zeit fast jeden Morgen meinen Smoothie mit ihnen, was mir sehr gut tut, vor allem sind sie unheimlich proteinreich.

Sehr schön war auch der Besuch auf der kleinen Vogelinsel gegen Ende meiner Reise. Ich empfinde es immer als sehr heilsam, an gewisse Orte, mit denen Emotionen verbunden sind, zurückzukehren, und sie mit etwas Abstand und Unabhängigkeit nochmal zu erleben. Auch der Austausch mit den Biologinnen war einfach wieder schön und am letzten Abend gab es nochmal ein großes Abendessen mit allen.

Der Abschied von Graciosa fiel mir schwer und ich weiß, es ist nicht das letzte Mal gewesen. Hier hat wirklich etwas in mir Wurzeln geschlagen. Die letzte Nacht mussten wir wieder auf Terceira verbringen zum Umsteigen nach Lissabon, und mit der Airbnb-Unterkunft verhielt es sich leider ganz ähnlich wie auf Faial, was ich schon mit einer fast humorvollen Gelassenheit nahm. Was nicht so geil war, waren die Nachbarhunde. Die Einheimischen hier müssen wirklich einen sehr tiefen Schlaf haben und das bei schlecht isolierten Häusern, bei mir halfen hier leider nichtmal Ohrenstöpsel.

In Deutschland protestierte meine Haut erstmal wieder so richtig, kaum dass ich spätabends aus dem Flughafen rauskam. Ich bin unendlich dankbar, dass es in dieser Trockenzeit dann genau am Abend unserer Rückkehr kräftig regnete, aber die Kombination aus Hitze, Trockenheit, starkem Pollenflug durch gestresste Pflanzen, hohen Ozonwerten und starker Feinstaubbelastung ist einfach die Härte dieses Jahr. Wieder wurde mir klar, wie sehr sich meine Verträglichkeits-Grenzen an der sauberen Meeresluft erweitert haben. Ganz ehrlich, ist es wirklich mein Körper, mit dem hier was nicht stimmt oder ist es nicht vielmehr meine Umwelt, die aus dem Lot ist? Nur, weil man es bei uns Allergikern als erstes bemerkt… Aber auch der Zusammenhang zwischen Luftbelastung und zunehmenden Herz-Kreislauferkrankungen (Artherosklerose ist im Grunde Neurodermitis in den Arterien – die auch wieder von Mastzellen umgeben sind) ist schon lange bekannt. Manchmal frage ich mich, ob man sich das wirklich antun muss und ob nicht alles so viel einfacher sein könnte. Gleichzeitig zeigt mir das wieder, denn dort zu feucht und Schimmel und hier zu trocken und Umweltverschmutzung und Pollen durch die Landwirtschaft: Ich muss in erster Linie weiter an mir selbst arbeiten, um resilienter und widerstandsfähiger zu werden.


Was mir krass aufgefallen ist dieses Mal auf den Azoren, ist dass es in den Supermärkten fast nur importiertes Gemüse vom Festland gibt. In den Gärten auf den kleinen Dörfern und bei meinen deutschen Selbstversorgerfreunden wächst alles in Hülle in Fülle, neben den üblichen Sachen wie Kräutern, Kohl, Kürbis, Tomaten und Zwiebeln auch Dinge wie Artischocken, Bananen, Ananas und Avocados. Die Diabetes- und Adipositasrate in der Bevölkerung ist überdurchschnittlich hoch, wie ich schon vor zwei Jahren gelernt habe. Es wird sehr viel an Backwaren gegessen, und bis vor wenigen Jahren wurde die Milch stark subventioniert, sodass viele Obst- und Gemüseplantagen niedergemacht wurden. Selbst hier in diesem Paradies mit der fruchtbarsten Vulkanerde, locker und leicht zu bestellen, genügend Regen und kein Frost, dazu nahrhafter Fisch aus gesundem Gewässer, schaffen es die Menschen, ungesund zu leben. Da sieht man, wie mächtig die Verlockung durch die industriellen Nahrungsmittel ist und welche Willenskraft oder zumindest Bewusstheit es heutetage braucht, um gesund zu bleiben.

Es muss ein Umdenken erfolgen, und zwar weltweit, denn wo soll das hinführen? Wir können unser Essen nicht nur aus dem Supermarkt beziehen, soll es irgendwann einzelne Kontinente geben, die komplett aus Feldern bestehen, nur damit der Rest der Welt keinen Finger mehr krümmen muss? Es werden hier in Deutschland ja nichtmal Obstbäume und Brombeerhecken abgeerntet. Wieder zuhause konnte ich es nicht mehr über mich bringen, in Plastik eingeschweißte Biolebensmittel aus Ägypten u.ä. zu kaufen. Ja, ein richtiger Garten muss her.

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