Tagebuch Azoren Teil IV

Hier kannst du mit Teil I beginnen

(Danke wieder an Steffi fürs Beisteuern ihrer Fotos!)

17.6.16

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Tschüss Praia, bis in einer Woche

Heute geht’s zurück nach Graciosa, denn wir brauchen neue Vorräte, außerdem können wir gerade nicht weiterarbeiten, da dafür ein Großteil der Küken geschlüpft sein muss. Also können wir uns genauso gut mal wieder eine wohlverdiente Pause und Zeit mit unseren neuen Freunden gönnen. Wir können wieder bei Peter und seiner Frau, die Kunstpädagogin ist, im Gartenhaus unterkommen. Diesmal ist es leichter für mich, mit Steffi in dem relativ schmalen Bett und kleinen Raum zu schlafen, da ich mental stabiler bin, genau weiß, was mich erwartet und sie mittlerweile weiß, dass ich Zeit für mich brauche und ich ihr es auch direkt sagen kann. Ich gehe nochmal einkaufen, es tut gut, jetzt einfach losmarschieren zu können und zu wissen, wo man hinmuss und so ein bisschen Autonomie zurück zu erlangen. Leider gibt es kein Cornet-Beef! Das wäre ein toller Notproviant für unseren nächsten geplanten Trip auf die anderen Inseln gewesen! Aber ich hole mir zwei Packen Rinderhackfleisch, hier ist ja alles aus Freilandhaltung und grasgefüttert. Abends kommen die anderen zu Besuch, inzwischen ist Mannis Freundin Annika eingetroffen, mit der ich mich auf Anhieb super verstehe. Sie ist nur wenige Jahre älter als ich und sehr offen. Wir essen draußen im Freien, es gibt wieder viel Salat und Gemüse aus dem eigenen Garten, rote Beete, Rotkohl, eine Süßkartoffel-Gemüsepfanne mit etwas Ziegenkäse, und Reis mit Schwarzkümmelsamen. Durch die Hitze habe ich ein paar juckende Bläschen in der Armbeuge bekommen, aber den Essig vertrage ich erstaunlich gut. Zum Nachtisch gibt es wieder eine leckere Obst-Kokos-Avocadocreme, von der ich ein wenig probiere. Ich merke aber, dass es zu wenig Protein für mich war, als dass ich hätte richtig davon satt werden können. Doch zum Glück habe ich auf der kleinen Insel zuvor auch nicht hungern müssen. Wirklich toll, hier Leute kennen gelernt zu haben, die auch Anhänger vom Slowfood und Massen an Gemüse sind!


18.6.

DSC_0382Ich mache mir Hackfleisch zum Frühstück, dazu nehme ich mir was von dem Reis und Gemüse von gestern. Tut gut, mal wieder gutes Protein aufzufüllen! Dann fahren wir mit dem Bus nach Santa Cruz. Man muss hier nicht unbedingt an einer Bushaltestelle stehen, es reicht auch, an der Straße, durch die der Bus kommt, zu stehen und zu winken. Bei der Endstation sagt der Busfahrer uns dann, wann es zurück geht. Leider hat das Reisebüro, wo wir die Fährentickets kaufen und uns allgemein erkundigen wollten, samstags geschlossen! Auch eine SIMcard kann ich mir schon wieder nicht kaufen. Letztenendes können wir nur ein bisschen bummeln und dann gehen wir eine Runde schwimmen im wunderbar klaren, kühlen Wasser, es tut soo gut! Mittags lässt der Busfahrer uns einfach an der Straßenkreuzung raus, von wo aus wir runter zu Sónias Baustelle von ihrer Spirulinafarm laufen können, wo wir zu einer Art Picknick eingeladen sind, zusammen mit ihren Helfern auf der Baustelle und unseren anderen neuen Freunden.

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Queijadas da graciosa – Eine lokale Spezialität, die wir mal probieren mussten, aber besteht im Grunde nur aus Zucker und Weizen

Sie haben einfach aus drei Brettern und den rumliegenden Steinen einen Tisch und zwei Bänke improvisiert und so sitzen wir gemütlich im Schatten und genießen ein reichhaltiges Mittagessen. Es gibt Fleisch, Salat, von dem Bohneneintopf und Brot lasse ich aber die Finger. Stattdessen probiere ich etwas vom Gemüsekuchen, den Peters Frau gebacken hat. Später fahren wir mit Sónia noch zu einem kleinen Café mit Ausblick über das Tal und aufs Meer.

Leider beginnt mein Fuß beim Auftreten sehr wehzutun, wie ich es schon einmal vor wenigen Monaten hatte, so ein plötzlicher scharfer Schmerz, als würde ein Bienenstachel drinstecken. Es scheint aber eher eine geprellte Sehne zu sein. Später fangen Steffi und ich noch etliche Eidechsen in Peters Garten und nehmen von ihnen Proben, arbeiten ca. zwei Stunden lang, können aber alle Proben bekommen, damit wäre das auch abgehakt! Mittlerweile läuft das Blutabnehmen und Vermessen sehr routiniert bei mir und Steffi geht mir gut zur Hand. Danach arbeiten wir noch kräftig im Garten mit, Holz für den Winter machen, Bäume beschneiden, fegen… es macht richtig Spaß an diesem wunderbaren Sommerabend, es schweißt zusammen und man fühlt sich richtig zur Familie gehörig, auch ist es schön, dass wir endlich mal etwas zurückgeben können. Außerdem bin ich froh, etwas über die Gartenarbeit zu lernen, denn die meiste Zeit meiner Kindheit musste ich ohne auskommen, was sehr schlimm für mich war. Ich habe das Ziel, später einmal einen eigenen zu besitzen, der auch nur annähernd so schön ist, wie von den beiden. Dann gibt es noch ein kräftiges Abendessen mit meinem Hackfleisch und viel viel buntem, vielfältigem Gemüse und Salat.

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Aus dem Buch “Green for Life”

Später spreche ich Peter auf mein Problem mit meiner Fußsehne und meinen verspannten Schultern an. Er meint, das bei meinem Fuß sei der Nierenakupunkturpunkt und tastet meine Nieren ab. Rechts bin ich empfindlicher und er möchte wissen, ob ich da schon Probleme gehabt habe. Mit 15 wurde ich von meinem Pflegepferd da reingetreten, hatte Blut im Urin und lag eine Woche lang im Krankenhaus zur Beobachtung. Eine MRT-Untersuchung ergab allerdings nichts. Auch vermutet er Probleme mit meiner Leber und fragt mich nach meinen Darmproblemen. Er meint, dort sei alles recht verkrampft, was auch mit meiner eigenen Unsicherheit zusammenhängen könnte. Er gibt mir das Buch: „Bauchgefühl – Praktische Schritte zur Heilung von Verdauungsproblemen, Übergewicht, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Depression“ von Pierre Pallardy zu lesen (eigentlich lese ich bei ihm gerade „Green for Life – Grüne Smoothies nach der Boutenko Methode“. Ich finde den Ansatz der Autorin gut, seine Gemüseauswahl so abwechslungsreich wie nur möglich zu gestalten – mit einem Schwerpunkt auf grünem Blattgemüse – damit sich keine giftigen pflanzlichen Stoffe zu sehr im Körper anreichern und für Schäden oder Intoleranzen sorgen können). Außerdem fühlt er ziemlich lange meinen Puls an beiden Händen und stellt hin und wieder Herzstolpern fest. Wir unterhalten uns dann noch lange über meine zu stark ausgeprägte und mich einschränkende rationale Seite. Man kann sich mit ihm sehr gut unterhalten, er hat seinen Geist ziemlich befreit (vor allem für einen Mediziner!).


19.6.

Heute Morgen kommt Annika und geht mit Steffi und mir die Strecke um Caldeira, das Vulkantal, wandern. Wir laufen etwa sieben Kilometer. Es wird ziemlich heiß in der Sonne, wir schwitzen stark, aber die Landschaft ist einfach der Hammer und man kann die Nachbarinseln Terceira, Sao Jorge, Pico und Faial gut am Horizont erkennen. Außerdem liegen zwei wunderschöne Höhlen auf unserem Weg. Beim Wandern unterhalten wir uns angeregt übers Reiten und Reisen. Anschließend laufen wir direkt zu einem süßen kleinen Restaurant mitten im Grünen. Wieder kommen alle Leute zusammen, die wir hier kennen gelernt haben, dazu ein weiterer Freund von Peter aus Deutschland, der seine Pensionierung mit einem achtwöchigen Azorentrip feiert und uns von Flores vorschwärmt. Zu Essen bekomme ich gegrilltes Fleisch, dazu einen Salat – Essig und Öl sogar extra – doch leider wurde statt „rice“ „fries“ verstanden. Ich spreche dann (leider?) immer sofort aus was ich denke, nämlich, dass ich das Falsche auf dem Teller habe, es entsteht eine etwas unangenehme Situation, aber ich schaffe es schon besser, dazu zu stehen, was ich haben will (und ich will wirklich nicht öfters als nötig acylamidreiche, in ranzigen Ölen frittierte Sachen ohne Nährwert essen, das bin ich mir mittlerweile wert. Ich mache aber trotzdem keine Szene, die schöne Geselligkeit überwiegt im Endeffekt den Wert eines perfekten Essens). Schließlich bekomme ich noch etwas Reis extra. Außerdem probiere ich etwas von Steffis Fisch. Da Sonntag ist, ist er sicher nicht heute gefangen worden, aber immerhin ist es kein histidinreicher Thunfisch.

 

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Zum Glück bekommt man hier glutenfreies Mehl

Wieder zuhause will sich Peter nochmal meinen Fuß ansehen. Außerdem besieht er sich im Stehen genau meinen Rücken, drückt an einigen Punkten, dann soll ich mich auf die Liege legen, er stellt fest, dass meine Beine unterschiedlich lang sind, was ich schon immer an meinen Steigbügeln gemerkt habe und drückt und stretcht viel am rechten Bein. Dann renkt er einmal meinen ganzen Rücken sowie meinen Nacken durch, denn überall neige ich zu Blockaden. Es knackt laut und furchterregend und es fühlt sich an, als würde er mein Genick brechen, doch der Schreck ist größer als dass es wirklich weh tut. Ich versuche einfach so gut ich kann, loszulassen und ihm zu vertrauen und stelle mir vor, ich wäre wie bei „Ghost in the Shell“ hier zur Wartung meines Cyberkörpers. Dann drückt er nochmal mit der Faust fest in meiner Fußunterseite herum, ich muss gleichzeitig mich darauf konzentrieren und synchron Feedback zu dem Schmerz geben, indem ich den Finger hebe, auf diese Weise will er die Nerven umprogrammieren. Zunächst fürchte ich mich entsetzlich vor dem Schmerz und denke, dass es unmöglich auszuhalten sei, doch dann merke ich, dass ich davon nicht kaputt gehe und es wirklich weniger wird. Außerdem gibt er mir auf, regemäßig, bei ihm und später zuhause, Trampolin zu springen um mich zu lösen und die Lymphe in Bewegung zu halten. Als ich das Zimmer verlasse, bewege ich mich zunächst zaghaft, dann mit neuem Selbstbewusstsein. Mein Körper fühlt sich wirklich ein bisschen an wie neu! Ich beschließe, dass ich ab heute mehr auf meinen Bewegungsapparat achten und mich erhabener und selbstbewusster durchs Leben bewegen und einfach diesen im Grunde fitten Körper mehr einsetzen und benutzen will im Vertrauen auf seine Selbstreparaturkräfte. Ich darf mich nicht mehr in Watte packen. Später fahren wir mit Peter und seiner Frau Bakhtawar nach Praia, wo es einen richtigen Sandstrand gibt. Sónia und Rei treffen uns dort. Das Wasser ist soo herrlich, ich könnte ewig hier rumschwimmen, plantschen, tauchen! Ich erfreue mich einfach meines Körpers, der mir gestattet, soviel Wundervolles im Leben zu erleben. Abends mache ich meine glutenfreien Bananenpfannkuchen, da kommen nochmal Sónia und Rei vorbei und essen mit. Sónia zeigt mir eine essbare Alge, die ein Fischer hier gesammelt hat, schmeckt interessant und sicher voll von gesundem Jod.


20.6.

Heute Morgen esse ich zwei weich gekochte Eier und verschiedenes Grünzeug aus dem Garten: Kräuter, Kapuzinerkresse, Klee. Dazu ein winziges Stück Weizenvollkornbrot mit dick fett Butter drauf. Auf dem Maisbrot habe ich Schimmel entdeckt, ein großer Nachteil von Brot, wie sich wieder herausstellt. Aber irgendwie habe ich heute richtig viel Energie und gute Laune! Es geht mir einfach gut. Auch meiner Haut geht’s seit einigen Tagen super, auch am Fuß, obwohl ich sogar Essig und Zitronensaft zu mir genommen habe. Dann fahren wir mit Peter in die Stadt, wo ich mir Hackfleisch und Eier kaufe und Steffi und ich ins Reisebüro gehen, um unsere Tickets für die Fähre nach Faial zu kaufen, was wir für ein paar Tage besuchen wollen. Ansonsten ist die Beratung dort leider eher schlecht, z.B. ob es günstige Hotels gibt. Danach fahren wir noch einmal bei dem Haus von Peter vorbei, wo Steffi und ich am Anfang gewohnt haben, wo zur Zeit Burkhart, Manni und Annika wohnen. Dort unterhalte ich mich gut mit den dreien, die auch sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Ernährungsformen und Experimenten sind und genau wie ich Spaß dran haben, verschiedenes Zeug wie grüne Smoothies, Superfoods und glutenfreies Backen auszuprobieren. Ich hoffe nur, dass sie nicht nur ihren von zuhause mitgebrachten, abgepackten Kram essen, sondern auch das frische Gemüse und die Kräuter hier aus dem schönen Garten genießen.

Als wir wieder bei Peter den Kofferraum ausladen, finden wir ein warmes Grillhähnchen in einer Plastiktüte. Er hat keine Ahnung, wie es da reingekommen ist, hat es angeblich nicht gekauft und denkt, ich hätte es gekauft. Seine vegetarischen Freunde haben es uns mit Sicherheit nicht in den Kofferraum gelegt. Das ist hier ja wie im Schlaraffenland, wo einem die gegrillten Hähnchen in den Kofferraum fliegen. Wir setzen uns einfach damit hin und genießen es, ich mache dazu Bratkartoffeln mit viel Petersilie. Steffi legt sich hin, sie hat sich wohl gestern einen Sonnenstich geholt. Ich mache mir ehrlich Sorgen um sie, wünsche mir sogar, sie würde nicht so ungewöhnlich still sein und mir wieder die Ohren vollquatschen, damit ich wüsste, dass es ihr gut geht.

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Unsere Fähre

Mein Hackfleisch, das ich nun nicht zum Mittagessen gemacht habe, verarbeite ich noch zusammen mit Reismehl, viel Grün, Zwiebel, Salz und Eiern zu Frikadellen, für nachher zum Mitnehmen als Proviant. Außerdem habe ich noch ein bisschen Reis-Kastanienmehlknusperbrot und zwei Rohkostriegel. Sónia bietet uns coolerweise an, dass wir in ihrer Wohnung auf Faial bleiben können! Abends um halb sechs fahren wir mit Burkhart, Annika und Manni zum Fähranleger, da sie ebenfalls Faial besuchen wollen. Schön, denn zusammen macht es bestimmt mehr Spaß und man kann besser Unternehmungen planen! Die Fahrt auf der großen Fähre ist ein unheimlich schönes Erlebnis, zwar ist der Himmel wieder voll von tiefhängenden Wolken, aber das weite Meer wirkt in seinem heute sehr dunklen Ton sehr geheimnisvoll. Genauso Sao Jorge, die Insel, der wir uns als erstes nähern, die sehr steil und hoch ansteigt und oben in den Wolken verschwindet. Auf den Wellen vor der Insel jagen Schwärme von Sturmtauchern nach Fisch. Als wir wieder von Sao Jorge ablegen, bricht die Dämmerung herein. Steffi und ich sitzen lange oben an Deck, in schweigender Eintracht, und blicken den Lichtern der kleiner werdenden Insel nach und dem Spiel der Wellen auf dem weiten Wasser. Es ist so friedlich, sanft und schnell gleiten wir über das Meer, ein milder Wind umspielt mich. Ich weiß in dem Moment einfach, dass ich glücklich bin. Dass ich gerade nichts weiter brauche.

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Beim Verlassen von Graciosa kommen wir auch nochmal an unserer kleinen Ilhéu da Praia vorbei

Ob mit Gesellschaft oder ohne. Es ist einfach gut, dass ich jetzt hier in diesem Moment bin, alles, was ansonsten Teil meines Lebens war, scheint nicht mehr zu existieren. Es existiert nur dieser Moment und das Gefühl des Friedens, um mich das weite, leere und stille Meer. Es ist, als könne mein Leben von nun an jegliche mögliche Wendung nehmen. Ich lebe nur für den nächsten Tag. Schließlich erreichen wir Faial, das still im Licht des aufgegangenen Vollmondes daliegt. Dort dann das Problem: Wir können Sónias Wohnung nicht finden.

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Hafen von Sao Jorge

Weder Google-Maps noch die Karte eines freundlichen Polizisten zeigt den Straßennamen, den Peter uns aufgeschrieben hatte, es sind auch keine Taxis mehr am Fährhafen unterwegs. Da es auch schwierig ist, den Weg zum Hotel für die anderen zu erklären, fährt der Polizist kurzerhand vorweg und wir hinterher. Unterwegs erreiche ich Peter, der sagt, dass der Straßenname doch ein anderer sei. Wir sind etwas genervt und können uns teilweise nicht halten vor Lachen, weil wir einfach todmüde und etwas durch mit den Nerven sind. Es ist schon nach Mitternacht. Die anderen kommen in ihr Hotel, aber es ist niemand mehr da, bei dem man ein Zimmer buchen könnte, denn auch die andere Straße ist unauffindbar. Der Polizist fragt Steffi und mich, wo wir ansonsten bleiben könnten und ich sage resigniert, dass wir im Auto schlafen. Daraufhin nimmt er uns im Polizeiwagen mit und erlaubt uns, in seiner Gästewohnung, in einem Wohnkomplex der Navy, wo auch er mit seiner Frau und seinem Baby wohnt, zu übernachten! Es ist unglaublich, er schaut auch, dass Bettwäsche da ist, fragt, ob wir morgens etwas zu Essen bräuchten… Und es besteht die ganze Zeit über kein Zweifel daran, dass wir ihm voll und ganz vertrauen können. Als er uns eine gute Nacht wünscht und die Wohnung verlässt, kann ich fast meine Tränen der Rührung, Demut und Dankbarkeit nicht zurückhalten. Dass es wirklich solche Menschen gibt! Wirklich ein Engel, der uns gesandt wurde… Wir zwei schlafen vor Erschöpfung sehr schnell ein und schlafen sehr tief.


21.6.

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Garten von Sónia
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Schimmel
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Schimmel

Morgens kurz vor neun klopft es, der Polizist, der Paolo heißt, sagt, er habe unsere Straße gefunden! Sie sei so ziemlich um die Ecke. Er bringt uns außerdem noch eine Kanne mit Wasser zum Trinken! Dann packen wir wieder unseren Kram und er fährt uns hin, vergewissert sich bis zuletzt, dass wir auch wirklich reinkommen und gibt uns sogar noch seine Telefonnummer, falls irgendetwas sein sollte. Was für ein unglaublich gutherziger Mensch. Es weckt etwas tief in meinem Inneren und bringt einfach nur den Wunsch hervor, selber ein besserer Mensch zu werden und mehr auf andere zu achten. Die Wohnung von Sónia ist geräumig, es gibt ein Schlafzimmer und ein weiteres Zimmer mit einer Schlafcouch. Doch sofort merke ich: Es riecht sehr muffig und feucht. Und tatsächlich, diese Wohnung hat wohl einiges an Wasserschaden abbekommen und Faial ist eine sehr feuchte Insel, während Graciosa noch die trockenste der mittleren Inseln ist, und auch Verónica hat uns schon gesagt, dass viele hier ein Schimmelproblem haben. Auch hier entdecke ich starke Verschimmelungen an Wänden und Einrichtung. Ich kann gerade so eine leichte Panik unterdrücken. Schimmel ist von allen Dingen das absolut schlimmste für mein Immunsystem. Ich sage Steffi, dass wir alles an Geschirr, was wir hier benutzen, gut abwaschen müssen, außerdem lüften wir kräftig durch und versuchen, uns so wenig wie möglich drinnen aufzuhalten. Drumherum gibt es noch einen Garten, sehr leer aber mit gemähtem Rasen, Schatten und einer Sitzmöglichkeit, wo man sich gut aufhalten kann. Morgens regnet es noch stark, aber gegen Mittag klart es so langsam auf.

Zunächst erkunden wir Horta zu Fuß. Es ist ganz anders als Graciosa, viele Geschäfte und eine belebte Innenstadt. Ich genieße den internationalen Rummel und das Touristische nach der langen Zeit auf Graciosa und Praia Islet. Es gibt einen schönen Yachthafen, und dort finden wir auch Angebote für Whalewatching. Wir wählen eine Organisation aus, geführt von jungen Leuten aus aller Welt, teilweise sogar Biologiestudenten, die Verónica kennen! Einer kennt sogar die Turtle Foundation, für die ich 2013 ein Volontariat gemacht habe. Dann finden wir hier einen SPAR und decken uns mit Gemüse, Süßkartoffeln und Eiern ein und machen uns in der Wohnung ein Mittagessen. Später machen wir noch eine Wanderung über die kleinen Berge bei Horta, die durchzogen sind mit verzauberten Trampelpfaden und wo man mit atemberaubenden Aussichten auf traumhafte Buchten belohnt wird (siehe Galerie unten).

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Feuchtigkeitsproblem auf Faial

Zwischendurch unterzuckere ich, habe aber noch einen Rohkostriegel mit Datteln und Kürbiskernen dabei, der mir sehr hilft. Abendessen gehen wir unten in der Bucht an einem Sandstrand. Leider dauert es etwa eine Stunde, bis unser Essen kommt, und bis dahin fühle ich mich halb verhungert. Der junge Kellner sagt, ihnen sei das Gas ausgegangen und sie mussten neues beim Nachbarn besorgen… Neben uns sitzt auch noch ein französisches Pärchen, das ziemlich laut schmatzend an ihrem Brot rumkaut, da bin ich so unglaublich empfindlich… Endlich kommt mein Tintenfisch-Algen-Risotto, es schmeckt wirklich toll, mal sehen, wie ich es vertrage. Zum Nachtisch teilen Steffi und ich uns eine Limettencreme mit geriebener Zitronenschale und Schokoraspeln oben drauf, Hammer gut! Ich nehme dann noch meine letzte Ascorbinsäuretablette, zur Sicherheit, denn morgen muss ich wirklich fit sein.


22.6.

20160622_144634Morgens um halb neun wieder unten am Hafen: Whalewatching, endlich! Schließlich dringt die Vorfreude durch und mir wird fast schon etwas übel vor Aufregung. Marilia aus Brasilien, die ebenfalls zur Zeit an ihrer Masterthesis auf den Azoren arbeitet, ist unser Guide und gibt uns eine Einführung in die Wale und Delphine der Azoren. Als wir ins kleine Schlauchboot einsteigen, nimmt Pedro, der Chef und Bootsführer, mich zur Seite und meint, ich dürfe hinten bei ihm stehen und mich während der Fahrt frei bewegen, denn er hat meine Riesenkamera gesehen und will, dass ich super Fotos schieße! Wow, ich freue mich riesig! Außerdem fährt ein französischer Meeresfotosgraf mit, der mich ein bisschen mitbetreut bei meinen Fotos und mir viele gute Tipps gibt. Ich habe so richtig das Gefühl, Teil der Crew zu sein! Es dauert etwas, bis wir das erste Mal etwas sehen, aber Pedro nimmt sich viel Zeit und meidet die dicken Pulks an Touristenbooten. Und dann weiß er genau, wo man hinmuss und man ist einfach mittendrin! Das erste Mal dann den Blas eines Pottwales zu sehen, ist wirklich atemberaubend, aber ich muss sagen, dass ich so auf das Fotografieren fixiert war, dass ich mich zu sehr darauf konzentrieren musste, richtig zu fokussieren bei dem starken Wellengang, sodass ich am Ende das Gefühl hatte, es nur halb erlebt zu haben. Aber es ist ein großes Hochgefühl, dann den kurzen Moment erwischt zu haben, wo der Wal schließlich für lange Zeit untertaucht und wo man eine kurze Chance darauf hat, die verschwindende Schwanzflosse scharf zu erwischen, und es dann auch bei zwei von vier Malen geklappt hat. Aber allein schon die wilde Jagd mit dem Schlauchboot ist es allemal wert, man fühlt sich wie ein Walforscher, einfach abenteuerlich.

Auch ist es schön, dass mein Körper gut mitmacht. Nach der vierstündigen Tour bin ich aber schon etwas k.O., aber keine Spur von Seekrankheit. Ich schaffe es dazwischen, uns etwas zu Essen zu kaufen und zu kochen und kurz zu meditieren, dann geht es nachmittags schon wieder los, denn wir hatten nochmal schnorcheln mit Delphinen gebucht (wenn wir schon mal hier sind und das Geld für eine Unterkunft gespart haben…). Ich bin sehr nervös und aufgeregt und schaffe es kaum, die kreisenden Gedanken auszustellen. Mitten auf dem weiten Atlantik vom Boot direkt ins recht kühle Wasser springen zu müssen, unter mir nichts zu sehen außer 700m Tiefe, dazu der starke Wellengang… Im Endeffekt hätte ich es mir besser gespart, mich so verrückt zu machen, denn es ergaben sich keine geeigneten Delphingruppen an den wellenärmeren Stellen, sodass sie es uns nur als Whalewatching abrechnen, was ich echt in Ordnung finde. Gut, dass sie da Vernunft walten lassen und auch keine Gruppen mit Jungtieren stören, außerdem waren wir schon durch die ganzen Wellen, die über das Boot spritzten, so durchnässt, dass ich so schon fror, trotz Neoprenanzug und wasserabweisender Kleidung. Stattdessen sehen wir aber wieder Massen an Delphinen (Gemeiner Delphin, Grindwale, Tümmler) und ein paar Pottwale, sogar einen, der mehrfach aus dem Wasser sprang (breaching)! In dem Moment bekommt man wirklich eine Gänsehaut und die Zeit scheint still zu stehen. Aufgrund der rauen See und um meine Kamera nicht unnötig zu gefährden, mache ich hier weniger Bilder und genieße einfach den Moment, bewahre das Erlebte in meinem Herzen. Einfach nur hier draußen zu sein, mitten auf dem Atlantik, genau zwischen Pico und Faial, in diesem unfassbar blauen Wasser, wird allein schon ein Erinnerungsschatz sein, den mir niemals wieder jemand nehmen kann.

Als wir wieder zurück sind, unterhalten wir uns noch lange sehr herzlich mit den Leuten, ich probiere auch ein ganz kleines bisschen von einem metähnlichen Wein von der Insel und Kokosgebäck, das Pedro uns anbietet. Als Steffi und ich zurückgehen, merke ich, dass ich mental vollkommen ausgelaugt und erschöpft bin. Ich brauche jetzt dringend Zeit ohne Steffi. Ich gehe nochmal in die Stadt und setze mich auf eine Bank wo es einen offenen WLAN-Hotspot gibt, um mit Patrick zu skypen. Diese Nacht schlafe ich tief und fest.

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