5. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Paläoernährung, Gesellschaft für evolutionäre Medizin und Gesundheit

Am 23. September besuchte ich das 5. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Paläoernährung, das diesmal im Biomedizinisches Forschungszentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen stattfand, quasi nebenan zu meinem früheren Naturwissenschaftencampus. Die Begrüßung erfolgte durch Prof. Dr. Klaus Eder (Tierernährung, Ernährungsphysiologie, Gießen) und Vorsitzenden Prof. Dr. Klaus Steger, Leiter des andrologisch-urologischen Forschungslabors des Universitätsklinikums Gießen, mit einer Einführung in das Thema der Epigenetik und wie der Ernährungs- und Gesundheitszustandes der Eltern auf die Nachkommen Einfluss nimmt.

Prof. Dr. Bernd Honermeier sprach über den Pflanzenmetabolismus. Während der Primärmetabolismus überlebenswichtig ist für die Pflanze, entstehen optional im Sekundärmetabolismus die sogenannten sekundären Pflanzenstoffe, wie z.B. phenolische Verbindung, zu denen die Salicylsäure gehört. Je mehr Hydroxidgruppen und Phenolringe vorhanden sind, desto mehr antioxidative Wirkung besteht. Darüber hinaus gibt es Sulfide, Alkaloide, Saponine, Carotinoide, Flavonoide, Terpene und Carotinoide. Da zu ihrer Entstehung die Einwirkung von Licht entscheidend ist, sitzen sie vorwiegend in den äußeren Bereichen der Pflanze, in der Schale, der Haut, und dienen vor allem zum Schutz der Pflanze.

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Moderne Gewächshäuser werden mit LED Lichtern ausgestattet, um alle wichtigen Lichtwellen zu bieten, damit alle sekundären Pflanzenstoffe ausgebildet werden können.

Viele dieser Stoffe haben auf uns Menschen einen gesundheitlichen Nutzen, da wir mit ihnen evolviert sind. So kann das Menthol der Pfefferminze beispielsweise Biofilme auflösen. Beim Hafer wird der Phenolgehalt durch Keimung erhöht, grundsätzlich nimmt er allerdings in Samen eher ab bei der Keimung. Bei Befall von Getreide durch einen Pilz kommt es zur Bildung von giftigen Alkaloiden. Pyrrolizidinalkaloide finden sich oft als Verunreinigungen durch Pollen in Honig und Tees, auch Borretsch enthält diesen Stoff, der lebertoxisch wirken kann.

Dr. Harel Seidenwerg sprach über das Thema Phytoengineering und Phytomedizin. Da es unglaublich viele unterschiedliche Chemotypen bei der gleichen Pflanzenart gibt, sie sich also stark von den Inhaltsstoffen unterscheiden, sind Studien und Standardisierungen zur Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln äußerst schwierig. Das ist auch der Grund, warum es so viele verschiedene Weinsorten gibt. Das Problem wird zwar gemildert, indem mit Klonen gearbeitet wird (dies hat nichts mit Gentechnik zu tun, sondern nur mit der Art der Vermehrung), aber je nach Anbaubedingungen und Trocknungstemperaturen kommt es wieder zu gewissen Unterschieden. Kommerzielle Produkte von kleinen Anbietern sind deswegen sehr unzuverlässig in der Wirkweise. Pflanzliche Arzneimittel kommen aber immer mehr in den Mittelpunkt, z.B. als Ersatz für Antibiotika, da Resistenzen zu einem immer größeren Problem werden und es zu 25000 Todesfällen in der EU pro Jahr durch sie kommt. 60% der verschriebenen Antibiotika sind überflüssig, in Asien ist das Problem mit den Resistenzen bereits besonders weit vorangeschritten, da man sie hier jederzeit ohne Rezept erhält.

Prof. Dr. Ingrid Herr (molekulare Onkochirurgie Heidelberg) sprach über das Thema Krebsprävention durch Ernährung. Man sucht immer wieder nach Alternativen und Unterstützungsmöglichkeiten bei der Chemotherapie, da Tumorstammzellen zumeist unempfindlich gegenüber Chemomedikamenten sind. Oft wird durch die Chemotherapie sogar ein Wachstumsschub des Tumors beobachtet, da die empfänglichen Krebszellen abgetötet werden und die resistenten übrig bleiben. Sulforaphan aus Blumenkohl und Brokkoli (vor allem Brokkolettisprossen) hat sich als sehr wirkungsvoll erwiesen, vor allem in Kombination mit Quercetin, und es kann keine Resistenzbildung beobachtet werden. MicroRNAs steuern neben der Methylierung auch die Genexpression, Quercetin moduliert sie und normalisiert somit Krebsgene. Vieles an Gemüse enthält selbst gute microRNAs. Die Zukunft wird sein, dass individualisierte Diäten ein fester Bestandteil der Krebstherapie sein werden. Ebenfalls hemmend auf das Tumorwachstum wirkt Aspirin (Salicylsäure), da es entzündungshemmend wirkt. Zucker lässt Tumorstammzellen aggressiver wachsen, während eine zuckerfreie Diät nach 3 Wochen erste positive Auswirkungen zeigt.

Prof. Herr sprach außerdem über die Regionen, in der es die meisten über 100 jährigen gibt. Was sind dort die Gemeinsamkeiten? Die Menschen essen eher wenig, haben viel Sonne, Bewegung, aber auch Ziele im Leben, Familienzusammenhalt, wichtige Aufgaben – es gibt in dem Sinne keine Rentner, ein gutes soziales Netzwerk, eine gemeinsame Religion und man lebt am selben Ort von Kindheit an, das Stressniveau ist demnach sehr niedrig.

Dr.Dr. Philipp Zimmer sprach über Bewegung in der Krebstherapie, die heute immer mehr in den Fokus rückt, während man früher den Patienten nur geraten hat, sich zu schonen. Krafttraining wirkt stark gegen Fatigue, Ausdauertraining gegen Neuropathien. Abbau von Übergewicht ist wichtig, da im Fettgewebe proinflammatorische Immunzellen wie Makrophagen sitzen. Je mehr Fettgewebe desto mehr Entzündung also, und die stille, chronische Entzündung ist zumeist die Ursache für die Entstehung von Krebs. Während starkem Sport werden zwar die entzündlichen Zytokine erhöht, dies aber wird gefolgt von einem antientzündlichen Zytokinprofil und die Erhöhung von regulatorischen T-Zellen und NK-Zellen.

Medizinphysiker Dr. Rainer Klement stellte verschiedene Interventionsstudien vor, bei denen der gesundheitliche Nutzen der Paleoernährung untersucht wurde. Interessant und neu für mich war: Gesunde über 100 jährige amerikanische Indianer waren recht häufig!

Prof. Dr. Clemens Kunz sprach darüber, dass laut der DGE zwei Drittel aller Deutschen einen Vitamin D-Mangel besäßen, und dass das Gesundheitswesen geschätzte Kosteneinsparungen von 37,5 Milliaren Euro pro Jahr haben könnte, wenn die Deutschen 1000 Einheiten am Tag bekämen! In der DDR wurden Säuglingen noch bis zu 1 Mio Einheiten injiziert, heutzutage wird einem vorschnell Angst gemacht vor toxischen Dosen.

Prof. Dr. Jörg Spitz (Akademie für Menschliche Medizin, Schlangenbad) sprach über das Thema Omega-3 Fettsäuren. Verrückt: Es gab Zeiten, da waren Forellen billiger Schweinefraß, so im Übermaß waren sie in unseren Flüssen vorhanden! Er stellte das DOHaD Modell vor: The developmental Origin of Health and Disease, bei dem es im Grunde wieder um Epigenetik geht. Er gibt uns zu denken: Bereits der mütterliche Körper ist für uns als Fötus schon unsere erste prägende Umwelt! Eine Schwangerschaft kostet sehr viel an Ressourcen, nicht umsonst sagt man:„Eine Mutter verliert mit jeder Schwangerschaft einen Zahn.“ Wenn jemand mehrere erhöhte Risikofaktoren hat, an einer inflammatorischen Krankheit zu erkranken, addieren sie sich nicht, sie multiplizieren sich! Ein weiterer wichtiger Hinweis von ihm: Bei ca. 25% der Bevölkerung gibt es in Bezug auf Vitamin D solche, die eine Verwertungsstörung besitzen und wesentlich höhere Dosen brauchen, um in einem gesunden Rahmen zu sein.

Dr. Wolfgang Haak sprach über das Thema molekulare Anthropologie. Er gab uns zu denken, dass wir erst seit 8000 Jahren dabei sind, uns an die Breitengrade Europas anzupassen, und im Grunde noch nicht optimal angepasst sind.

Den sehr spannenden Abschluss machte Prof. Dr. Hannelore Daniel. Sie arbeit auf dem Gebiet der Nutrigenomics und hatte vor einigen Jahren die 9 Millionen Euro teure und durch die EU finanzierte Studie food4me durchgeführt, bei denen Daten von tausenden von Menschen gesammelt wurden mit dem Ziel, jedem Menschen in Zukunft stark individualisierte Ernährungsempfehlungen geben zu können nach einfachen Tests, die auf Fragebögen, Bluttests und Gentests beruhen. Das Ergebnis: Es gab keine brauchbaren Ergebnisse oder Nutzen durch die Studie! Die Ergebnisse zum Nutzen gewisser Nährstoffe glichen sich komplett auf. So profitierte oft ein Teil der Probanden von einem gewissen Vitamin oder einer Fettsäure, beim Durchschnitt machte er keinen Unterschied und bei einem Teil kam es zu negativen Veränderungen. Krass war aber, wie Prof. Daniel es erlebte, wie sehr es die Menschen danach verlangte, Antworten darauf zu bekommen, was sie essen sollten. Der Wunsch nach simplen, allgemeinen Empfehlungen und vorgefertigten Ernährungsplänen, die einfach nur befolgt werden, ist heutzutage unfassbar hoch. Der Mensch sucht immer nach der allwissenden Glaskugel. Aber diese Studie zeigt, dass das Thema Ernährung immer noch kaum zu greifen und aufzudröseln ist und dass es noch viele Faktoren gibt, die wir nicht verstehen, und dass vor allem anscheinend stark individuelle Unterschiede generalisierte Untersuchungsergebnisse in einer heterogenen Bevölkerung unmöglich machen. Oft kommen schlicht und ergreifend nicht signifikante Durchschnittsergebnisse ohne Aussagekraft heraus. Auch steckt die Forschung über den Zusammenspiel von Ernährung und Genen noch in den Kinderschuhen.

Was mir sehr auffiel, auch schon auf der Paleoconvention und dem Krebskongress, war dieses starke Verlangen der Menschen nach Daten, Fakten und Beweisen, das heutzutage allgemein vorherrscht. Ein Zuhörer fragte, ob es nicht Sinn machen würde, eine kombinierte Studie dazu zu machen, wie Sulphoraphan PLUS Sport in der Krebstherapie wirken würde. Solche Fragen machen mich mittlerweile müde. Ich frage mich immer, warum wir gewisse Dinge noch beweisen müssen. Brauchen wir echt erst den wissenschaftlichen Beweis in Form von Daten, dass Bewegung, Gemüse, Entspannung, Schlaf und Sonne für uns gut sind, bevor wir unser Leben ändern? Und können wir heutzutage Erkenntnisse nur in Studien und Statistiken finden? Vor allem, wenn doch immer wieder herauskommt, dass das, was für den einen sehr gut sein kann, für den anderen vielleicht schädlich ist? Können wir nicht ein bisschen mehr zu unserem Körpergespür und gesundem Menschenverstand zurückfinden?

Ich merke mittlerweile, dass die Theorie und neuen Fakten zwar meine nerdige Seite ansprechen, dass unterm Strich für mich nicht mehr viel Neues an praktischen Erkenntnissen herauskommt. Heruntergebrochen ist es immer das Gleiche, das ich auch meinen Klienten vermittle: Eine naturnahe, für den Menschen artgerechte Lebensweise, zufrieden sein, sein Leben in Ordnung bringen da wo es nötig ist und immer wieder den Ausgleich finden, und das meiste Menschengemachte ist Mist (bzw. kommt zu einem gewissen Preis) und sollte gemieden oder stark eingeschränkt werden in der Benutzung. Vor allem: Zu dem finden, was einem selbst gut tut, statt sich auf äußerliche Autoritäten wie einen Elternersatz zu verlassen, zurück zu den Befürfnissen des eigenen Körpers kommen.

Und sind Krankheit und dunkle Täler immer um jeden Preis zu vermeiden oder bieten sie nicht sogar großes Potential, sein Leben zu verändern? Um derartige Themen ging es auch an meinem Tisch in der Mittagspause und ich merke, dass ein großes Interesse und ein großer Hunger danach besteht, neben der Wissenschaft auch die Psychologie und Spiritualität Einzug in die Ernährung nehmen zu lassen.

Die Deutsche Gesellschaft für Paläoernährung hat in der anschließenden Mitgliederversammlung ihren Namen geändert in Gesellschaft für evolutionäre Medizin und Gesundheit.

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